07.10.2020    Kai Makus

Digitaler Wandel

Von Tradition zu Transformation

Traditionsunternehmen des deutschen Mittelstands digital transformieren? Das kann gelingen: Wenn Kundenzentriertheit in den Vordergrund rückt – und dann ingenieursgetriebene Perfektion übernimmt. Die Voraussetzungen: das richtige Mindset in der Führung, das Denken in digitalen Geschäftsmodellen und eine neue Firmenkultur.

Der Wandel der Unternehmenskultur ist der Knackpunkt in der digitalen Transformation. Davon ist Sven Meise überzeugt. Der Chief Digital Officer des Maschinenbauers Francotyp-Postalia berichtet im DUB Digital Business Talk, wie sein Haus den Change bewältigt, eine Traditionsfirma mit 97-jähriger Geschichte. Auf eine noch längere Historie blickt die Siegwerk Druckfarben AG & Co. KGaA zurück und geht laut Herbert Forker im Rahmen vieler Digitalisierungsprojekte als Basis auch den Wandel im Mindset an – „beschleunigt, aber nicht angestoßen von der Corona-Krise“, so der CEO.

Am DUB Digital Business Talk nahmen teil:

Moderation: Thomas Eilrich, Chefredakteur DUB UNTERNEHMER-Magazin

Beim Briefmaschinenhersteller Francotyp-Postalia war es nicht die Krise, sondern der rückläufige Markt, der den ersten Impuls für den Wandel gesetzt hat. „Wir nutzen das zum Transformieren, wir wollen die Technologiekompetenz wirksam ausspielen“, sagt Meise. Die Aufgabe: Das Unternehmen, „klassischer deutscher Mittelstand“ mit viel Ingenieurswissen, soll kundenzentrierter werden. „Dieses Mindset, das schnellere verproben, das ist die spannende Herausforderung.“ Dabei hat Covid-19 immerhin Berührungsängste mit digitalen Themen abgebaut, weiß er:

„Ohne die Corona-Krise wäre die Digitalisierung bei Weitem nicht so schnell gegangen.“

Digitalisierung ist Disruption

Ähnliches beobachtet Philipp Depiereux, Chef der Beratung etventure, die Prozesse digitalen Wandels begleitet: „Bei disruptiven Themen tun sich Mittelständler schwer. Und Digitalisierung ist immer Disruption.“ Wie Change-Management gelingen kann? „Den Mitarbeitern zeigen, dass es sich lohnt, durch den Wandel zu gehen – und diesen gemeinsam mit ihnen entwickeln.“

Druckwerk-Chef Forker erinnert daran, dass das Know-how des Unternehmens bei dem Prozess nicht auf der Strecke bleiben darf. Die Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle hatte er ganz aus dem Stammwerk herausgelöst, mit der Zeit fehlte aber zunehmend die Anbindung an das dortige Fachwissen: „Man braucht die Symbiose der jungen Wilden mit der Kernmannschaft, die das traditionelle Geschäft beherrscht“, ist sein Learning.

Auch Meise kennt die Herausforderung, Ideen, die außerhalb entstanden sind, in die Stammorganisation zu tragen: „Je softwarelastiger die Innovation, desto schwieriger war es, sie den Ingenieuren im Haus zu vermitteln. Deutlich einfacher war das bei IoT-Projekten.“

Für Forkers Unternehmen ist aus diesem Prozess ein neues Geschäftsmodell in Form einer Plattform entstanden. Diese vernetzt Start-ups, „die ihre erste Verpackung entwickeln“, mit Designern und Siegwerk-Kunden, die freie Kapazitäten auf ihren Digitaldruckern haben, die ansonsten nicht genutzt würden. „Unsere Kunden sind in diesem Fall die Lieferanten, wir verdienen an der Vermittlung“, sagt Forker. Eine Erkenntnis aus dem Prozess: „Man muss Daten teilen, an den Schnittstellen wird Wert geschaffen.“ Hier bräuchte es allerdings noch Einiges an Überzeugungsarbeit.

Die Schmerzpunkte des Kunden erkennen

Und man muss schnell am Markt sein, ist Meise überzeugt. Francotyp-Postalia geht dazu schon mit nicht vollständig ausgereiften Produkten in den Vertrieb und testet sie bei Kunden: „Mit einer 80-Prozent-Lösung kann man schon rausgehen.“ Die aufwendigeren restlichen 20 Prozent der Entwicklung sollten jedoch erst dann gestartet werden, wenn erkannt ist, „was der Kunde wirklich braucht“. Aber, so viel Ingenieurspirit gilt dann doch: „Das muss auch mit 80 Prozent natürlich schon funktionieren!“

Den Weg der raschen Verprobung empfiehlt Depiereux auch Mittelständlern, welche die Transformation wagen wollen. Grundsatz für neue Produkte: „Alles fängt beim Nutzer an.“ Die Schmerzpunkte des Kunden müssen erkannt und dann für diese digitale Lösungen entwickelt werden. Perfektionismus ist nicht angesagt, für den ist Zeit nach positiven Validierungen durch potenzielle Abnehmer. „Wir brauchen nicht nur Weltmarktführer, sondern Welt-mut-führer“. Mit der neuen Denke „kommt man gegenüber den klassischen Innovationszyklen enorm schnell“ auf den Markt, so der Berater. Das kann wiederum zum Wandel der Firmenkultur beitragen. „Denn die ganze Organisation sieht dann auch: Wow, das funktioniert.“

DUB Business Talks

07.10.2020    Kai Makus
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