Illustration von zwei digitalen Menschen
22.02.2021    Fabian J. Fischer

Kolumne von Fabian J. Fischer, CEO von Etribes

Digitalisierung ist kein Projekt!

Lange Zeit ließ sich unternehmerischer Fortschritt in Projekten beschreiben; in handlichen Aufgabenpakete, die sich Stück für Stück abarbeiten ließen. Und dann kam die Digitalisierung. Welche Fehler bei der Transformation vermieden werden sollten.

„Den Vertrieb zu Weihnachten ankurbeln?“ – „Sollen die Marketingkollegen und Kolleginnen mal ein Projekt aufsetzen.“

„Im Ausland produzieren?“ – „Dafür brauchen wir ein Projektmeeting mit allen Abteilungen.“

„Die Effizienz über alle Standorte hinweg steigern?“ – „Ein wichtiges Thema, das wird unser Jahresprojekt.“

 

Solche oder ähnliche Gespräche sind schon in vielen Unternehmen geführt worden und viele Jahre haben Projekte für alle Belange des Unternehmens funktioniert. Es wurde konzipiert, umgesetzt, abgehakt.

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Dann kam die Digitalisierung, die von allen verlangt, neu zu denken. Dabei ist vor allem wichtig zu verstehen: Digitalisierung ist kein Projekt. Denn die Digitalisierung kennt, anders als ein typisches Projekt, kein Anfang und kein Ende. Digitalisierung bedeutet permanente Weiterentwicklung.

Digitalisierung ist permanente Paranoia

Jeff Bezos, der Gründer von Amazon, einem der wohl einflussreichsten Unternehmen unserer Zeit, ist für seinen „Day 1“-Ausspruch bekannt: „Es ist immer Tag 1“. Das ist die DNA der Digitalisierung: Der Erfolg von gestern? Geschenkt. Der Erfolg von vorgestern? Sowieso. Jeden Tag werden die Karten neu gemischt. Jeden Tag kann in irgendeiner Garage das neue Amazon entwickelt werden. Im Coworking-Space irgendwo am anderen Ende der Welt könnte jemand sitzen, der oder die das Geschäftsmodell entwickelt, mit dem Google überflüssig wird. Und ganz sicher arbeitet irgendwer auch an einem noch immersiveren sozialen Netzwerk als es Instagram schon ist. Kein noch so mächtiges Unternehmen ist sicher vor potenziellen, aber noch unsichtbaren Wettbewerbern.

Diese Einsicht, jeden Tag „Day 1“ zu haben, und diese permanente Paranoia, dass das eigene Geschäftsmodell jederzeit angegriffen werden könnte, fällt besonders Unternehmen schwer, die lange Zeit gut waren. Die über Jahrzehnte in ihrer Branche als unantastbar galten. Die sich zwar Stück für Stück (also von Projekt zu Projekt) weiterentwickelt haben, aber nie um die Zukunft ihrer Existenz fürchten mussten. Diese Zeit ist vorbei.

Denken Sie an Microsoft: Innerhalb von wenigen Jahrzehnten hat sich das Unternehmen zum Software-Vorreiter und nun zum Cloud-Unternehmen entwickelt. Nicht, weil es das Unternehmen geplant hatte. Sondern weil es das Unternehmen musste, weil es der Wandel verlangt hat. Doch dieser Erfolg, wie Microsoft ihn immer noch hat, kann nur gelingen, wenn Unternehmensführer und Unternehmensführerinnen sich und ihr Geschäftsmodell immer wieder in Frage stellen – um besser zu werden.

Neugeschäft statt Projektende

Was also bedeutet das für einen Unternehmer, der die Notwendigkeit zur Digitalisierung sieht, aber nicht weiß, wie er diese bewerkstelligen kann?

Blicken wir in Kürze auf die drei Säulen, die für Unternehmen bei der Digitalisierung entscheidend sind (an anderer Stelle habe ich sie auch schon ausführlicher beschrieben):

Illustration von Fabian Fischer

Fabian J. Fischer ist ein Hamburger Unternehmer, digitaler Vordenker und Investor. Als Founding Partner und CEO von Etribes verantwortet er die strategische Weiterentwicklung des Unternehmens, das mittelständische Unternehmen und Dax-Konzerne bei den Herausforderungen der Digitalisierung berät. Fischer ist ebenso Co-Founder von Picea Capital, einem Evergreen Venture Capital Fund mit Fokus auf Early-Stage-Technologieunternehmen.

  • Säule 1 ist die Optimierung des Kerngeschäfts, bei der eine Baumarktkette beispielsweise digitale Kassensysteme oder eine Software für die Buchhaltung einsetzt. Das ist die Ebene, die sich als Projekt mit Anfang (Planung der Software-Anschaffung) und Ende (Software-Nutzung durch alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter) noch bewerkstelligen lässt.
  • Säule 2 ist die digitale Geschäftsexpansion. Neben beispielsweise physischen Baumarkt-Filialen gibt es einen Onlineshop, es wird zudem ins Ausland geliefert. Meistens endet hier die Erwartungshaltung der Digitalisierung.
  • Doch Säule 3 sorgt für den Schritt nach vorne – sie steht für das digitale Neugeschäft. Hier geht ein Unternehmen völlig neue Wege, die Baumarktkette bietet etwa auch Software für Architekten an. Oder startet eine Plattform zum Pflanzentausch. In jedem Fall verlässt das Unternehmen seine Komfortzone und fängt etwas völlig Neues an.

Die ewige Suche nach der Goldader

Alle drei Säulen sind gleichermaßen relevant für die Zukunft eines Unternehmens. Alle drei Säulen müssen angegangen werden, will sich ein Unternehmen wirklich für die Zukunft aufstellen. Für diesen Prozess gibt es keine One-fits-All-Lösung und schon gar keine Projekt-Schablone, die sich immer und immer wieder herausholen und anlegen lässt. Dafür ist die Digitalisierung zu umfassend und zu multidimensional.

Vielmehr ist die Digitalisierung wie die permanente Suche nach einer Goldader: Jeden Tag nehmen sich die Goldgräberinnen und Goldgräber eine neue Parzelle vor, suchen und graben – und erleben dabei auch Tage, an denen sie völlig leer ausgehen. Auch das gehört zur Digitalisierung dazu: das Scheitern mit neuen Konzepten und Ideen. Da hilft nur der Gedanke an Bezos’ Maxime: Jedem Tag wohnt ein Anfang inne.

22.02.2021    Fabian J. Fischer
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