Digital Health
02.02.2021    Thomas Soltau

Gesundheitswesen

Ein Blick auf die Mängel im System

Auf der einen Seite stehen hoch motivierte Individuen und smarte Einzellösungen, auf der anderen Seite erhebliche systemische Mängel: Die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen hat enormen Nachholbedarf. Die Coronakrise, so Top-Vertreter von Krankenkassen und Krankenhäusern im DUB Digital Business Talk, hat zwar IT-Entwicklungsprozesse beschleunigt, gleichzeitig aber auch große Lücken in der Infrastruktur offengelegt. Was sich im Gesundheitssektor jetzt ändern muss.

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„Corona zeigt uns den Rückstand auf – hier ist Deutschland im internationalen Wettbewerb weit abgehängt“: So lautet das nüchterne Fazit von Hans Unterhuber, Vorstand der Siemens-Betriebskrankenkasse (SBK), mit Blick auf den digitalen Status quo des hiesigen Gesundheitssystems.

Am DUB Digital Business Talk nahmen teil:

Moderation: Thomas Eilrich, Chefredakteur, DUB UNTERNEHMER

Dabei gibt es im Einzelfall durchaus hoffnungsvolle Tendenzen. Denn die Pandemie hat Ärzten und Patienten auch die Vorteile digitaler Gesundheitsangebote vor Augen geführt. Nur ein Beispiel: So nutzten nach Schätzungen des „Ärzteblatts“ im Zuge der Pandemie bislang rund 25.000 Arzt- und Psychotherapeutenpraxen die Videosprechstunde – das entspricht einem Viertel aller Praxen. Zum Vergleich: Bis Ende Februar 2020 hatten nur etwa 1.700 Praxen Videosprechstunden angeboten. Viele Patienten würden gerne entsprechende weitere Angebote nutzen – und die gibt es auch. Aber vielfach nur in Form von Insellösungen. Ganz sicher aber, so SBK-Chef Unterhuber, nicht systemisch.

Seine Krankenkasse betreut rund eine Million Mitglieder, zählt damit zu den 15 größten in Deutschland. „Durch Corona sind längst überfällige Erneuerungen angestoßen worden; in der Amtszeit von Jens Spahn konnten wir hier durchaus eine gewisse Beschleunigung feststellen.“ Doch Unterhuber ist das noch nicht genug: „Wir brauchen eine funktionierende IT-Infrastruktur, denn sie ist die Basis zum Nutzen aller.“

Bislang wurde viel versäumt: Die elektronische Patientenakte (ePA) etwa sei, nun da sie eingeführt ist, bereits veraltet und genüge internationalen Standards nicht. Den Blick nach vorn gerichtet ist sie für Unterhuber ein „Lern- und Erprobungsfeld“. Hinzu komme eine Rechts- und Informationsunsicherheit. Letztlich werden die Krankenkassen mit der Problematik beispielsweise datenschutzrechtlicher Klärungen alleingelassen.

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Digitale Teilerfolge – Mängel im System

Ein etwas positiveres Bild zeichnet Roland Engehausen, Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG). Als Interessenvertreter der Krankenhausträger repräsentiert sein Verband rund 370 bayerische Kliniken. Ziel der BKG: die Leistungsfähigkeit der Krankenhäuser zu verbessern.

Kurzfristige Erfolge gebe es bereits zu vermelden. „Beispielsweise betreiben wir für die bayerischen Krankenhäuser ein eigenes Portal für die Covid-19-Impfungen. Stand jetzt konnten wir schon deutlich über 60.000 Impfungen in den Kliniken durchführen“, betont Engehausen. Und auch einige der Basisvoraussetzungen stimmten: „Wir haben in der Coronazeit ganz grundsätzlich die Erfahrung gemacht, dass die technische Infrastruktur gar nicht so schlecht funktioniert. Innerhalb von drei Wochen konnten beispielsweise fast 95 Prozent unserer Mitarbeiter das Homeoffice nutzen.“

Die Digitalisierungsmängel skizziert der frühere Krankenkassen-Chef aber ebenfalls deutlich: „Das System hat eine institutionelle Schwäche.“ Das Thema elektronische Patientenakte habe ihn auch geärgert. Das sei „definitiv kein digitaler Befreiungsschlag“. Es bleibt die Beobachtung, dass eine rasant fortschreitende Transformation beileibe nicht die Regel ist. „Der digitale Status quo in Krankenhäusern ist völlig heterogen. Es gibt hier keinen Goldstandard. Größeren Kliniken fällt die Umstellung der IT leichter als den Kleinen.“ Die Gefahr einer Zweiklassengesellschaft müsse man aber unbedingt vermeiden. Viele Einrichtungen hätten zudem auch keine Erfahrung mit der Telematik-Infrastruktur, weil diese einfach noch nicht genutzt werde, betont Engehausen.

Datenübertragung bei Corona-Infektionszahlen oldschool per Fax

Dringender Handlungsbedarf scheint vor allem auch beim Austausch von Daten zwischen Gesundheitsämtern und dem Robert Koch-Institut zu bestehen. Warum? „Weil die digitalen Daten vom Labor per Fax ans Gesundheits- über das Landesamt bis zum RKI gehen – alles wie vor 30 Jahren“, so Unterhuber.

Und: „Wir sind etwas irritiert darüber, dass Gesundheitsämter vor Monaten eine kostenlose Software angeboten bekommen haben, das aber nur die Hälfte Lust hatte, die zu nutzen“, empört sich der SBK-Vorstand. „Auf der einen Seite werden Millionen von Menschen Rechte wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Art abgesprochen wegen des Gesundheitsschutzes. Und auf der anderen Seite werden fundamentale Erkenntnisse, die wir für gute Entscheidungsgrundlagen brauchen und damit für aktuelle Daten, vernachlässigt.“

Mehr Mut, weniger Verwaltung

Unterhuber beklagt, dass sowohl bei der Bereitstellung von Masken, der Organisation von Impfungen sowie in der digitalen Transformation die staatlichen Mühlen unendlich langsam mahlen würden. Es brauche „mehr Mut, mehr Verantwortungsbereitschaft, auch mal ins persönliche Risiko zu gehen, um das Richtige zu tun“.

Spricht man allerdings diese Probleme an, gebe es von den Verantwortlichen „kaum Reaktionen“, berichtet der SBK-Chef. Wichtig ist ihm, dass seine Kritik sich ausdrücklich „nicht an den Einzelnen“ wende. Viele Menschen leisteten in dieser Zeit ein unglaublich hohes Arbeitspensum. Was fehle, seien vielmehr Systeme und Prozesse für geordnete Abläufe. Hier sei die Politik gefordert.

Für Abhilfe soll auch das Krankenhauszukunftsgesetz sorgen, durch das viel Geld ins System gepumpt werden soll. Ein Ziel: Die Mittel sollen strategisch für die IT-Infrastruktur genutzt werden, um das gesamte Gesundheitssystem einheitlich zu vernetzen. Doch auch dieser Prozess steht vor großen Herausforderungen. „Ich hätte mir mehr Zeit für die Vorbereitung und Anträge gewünscht. Strukturelle Probleme lassen uns stocken“, sagt BKG-Chef Engehausen.

Sinkende Einnahmen, höhere Kassenbeiträge

Mit Blick auf das, was kommt, warnt Unterhuber: „Vor der Bundestagswahl passiert bei den Krankenkassen nichts mehr. Aber nach der Wahl kommt es zum Kassensturz – und zwar mit Macht“. Der SBK-Chef sieht die Kassen 2022 mit schwerwiegenden Finanzproblemen kämpfen. Dabei seien es nicht nur Coronafolgen wie sinkende Einnahmen durch Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit, die dazu führten. „Wir müssen differenzieren: Corona stellt kein Finanzierungsproblem für die Kassen dar – 2020 wurden da ja vernünftige Vereinbarungen getroffen.“ Auch die digitale Transformation koste zwar Geld, sei aber zu managen. „Das Finanzproblem wird daher rühren, dass die Einnahmen sinken und die Kosten explodieren. Letzteres war aber auch vor Corona schon so.“ Unterhubers Prognose: „Wenn nichts passiert, kommt es im kommenden Jahr zu einer nie dagewesenen Erhöhung der Beiträge.“

Massive finanzielle Unterstützung seitens der öffentlichen Hand sei notwendig, aber grundsätzlich auch mit Gefahren verbunden, wie Engehausen sagt. „Wenn der Staat immer mehr als Finanzierer auftritt, ist das nicht gut. Dann hat man mehrere Akteure, die miteinander diskutieren, wie das Geld verteilt werden muss. Ich hoffe, dass es kein radikales Abbauen von Gesundheitsleistungen gibt, sondern eher ein nachhaltiges Investieren in Infrastruktur, die das Gesundheitswesen durch mehr Vernetzung und Integration günstiger macht.“

Trotz der deutlichen Kritik am Status quo können beide der Zukunft auch positive Aspekte abgewinnen. Unterhuber: „Vor allem das E-Rezept wird uns 2022 einen Schub in eine gute Richtung geben.“ Seine Forderung aber bleibt: „Wir müssen eine technologische Infrastruktur aufbauen können, die einer Industrienation wie Deutschland würdig ist.“

02.02.2021    Thomas Soltau
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