Investoren und Startups finden auf der virtuellen Messe der High-Tech Partnering Days zusammen
19.02.2021    Manuel Kunst

Virtuelle Messe

High-Tech Partnering Days 2021: Fortschritt trotz Corona

Gründer und Investoren kommen zum zwölften Mal bei den High-Tech Partnering Days zusammen – im Lockdown über das Internet. Das Ziel: Innovationsimpulse zu den Themen Digital- und Industrial-Tech sowie Life Science & Healthcare bekommen.

In neuen Räumlichkeiten

„Covid-19 soll dem unternehmerischen Fortschritt nicht im Wege stehen“, proklamiert Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier in seiner Eröffnungsrede in der virtuellen Messehalle. Diesem Leitsatz sind Top-Manager, Experten, Visionäre und junge Unternehmer gefolgt.

Initiiert wird das jährliche Event vom High-Tech Gründerfonds (HTGF), einem der größten Investoren in innovative Technologien. Investoren und Gründer sitzen am virtuellen Konferenztisch oder suchen das Einzelgespräch, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

Im Angebot: hochkarätige Keynote-Speaker, Workshops und Diskussionspanels mit Gästen wie Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse, Dr. Thomas Book, im Vorstand der Deutschen Börse für das Ressort Trading & Clearing verantwortlich, oder Professor Sabina Jeschke, scheidende Vorständin für Digitalisierung & Technik bei der Deutschen Bahn.

Individuelle Veranstaltungspläne führen durch das Event. Auch wenn jeder Tag einen anderen Schwerpunkt hat, ziehen sich die Themen digitale Transformation, Innovationsstrategien und junger Unternehmergeist wie ein roter Faden durch die Veranstaltung.

 

Tag 1 – im Fokus: Digital Tech

„Flexibel auf neue Gegebenheiten reagieren“ ist eine Maxime, welche die Rahmenbedingungen des Events auf den Punkt bringen. Das Motto ist aber auch ein dominantes Erfolgsmerkmal für Unternehmen, wie Dr. Alex von Frankenberg, Geschäftsführer des HTGF, in seiner Begrüßung betont.

Die Rede ist von einem Pivot – also einem Einschwenkpunkt, der ein Unternehmen in ganz neue Bahnen lenkt. Beispiele dafür gebe es gerade in der IT genug: YouTube startete als Online-Dating-Seite, Twitter als Podcast-Provider, Slack als Gaming-Plattform.

Eine interne Studie des HTGF zeigt, dass gerade jüngeren Teams mit einiger Arbeitserfahrung solche Transformationen am besten gelingen. Unternehmen, bei denen eine hohe emotionale Bindung an das traditionelle Geschäftsmodell besteht, fällt der Umschwung dagegen eher schwer.

Mehr Mut braucht das Land

Thomas Book von der Deutschen Börse zeigt die Vorteile eines Börsengangs auf. So können Start-ups von einem schnellen Zugang zu Finanzmitteln profitieren. Außerdem sei die Börse eine gute Werbeplattform. Unternehmen legen durch ihren Börsenkurs die wirtschaftliche Entwicklung offen und sind durch diese Transparenz interessanter für potenzielle Investoren. Book: „Schauen Sie in die USA. Da sind die globalen Champions alle am Kapitalmarkt entstanden.“

Er lobt die nationale Industriestrategie der Bundesregierung. Um aber die hochgesteckten Ziele zu erreichen, bräuchte es in Deutschland und Europa einen stärkeren Kapitalmarkt.

„Man hat in der deutschen Unternehmenswelt immer noch Angst vor neuen Wegen“, sagt Rolf Schumann in seiner Vision Speech. Er ist CDO bei Lidl Digital und Schwarz Digital, widmete sich aber zwischen 2008 und 2012 mit dem Start-up Better Place dem Bereich E-Mobilität. Schumann kann so aus eigener Erfahrung berichten, dass die Transformation einer Branche oft nur schleppend vorangeht: „Wir haben es damals nicht geschafft, das Verhalten der Menschen zu ändern.“

Ein Livevideo-Chat mit Kunden

Direkte Verbindung: Über Videochats können Unternehmen schneller für ihre Produkte werben

Sein Fazit: Die Idee war gut, aber die Welt war noch nicht bereit. Seine Rede stützt die Aussage von Alex von Frankenberg, dass disruptive Ideen meist von Start-ups kommen, weil alteingesessene Unternehmen oft einen Umschwung verpassen und nachziehen müssen.

Video im B2C-Markt

Anschließend stellen Unternehmen ihre Strategien für den direkten Kundenkontakt vor. Ben Rodrian, CEO und Founder von Storybox, ist der Meinung, dass authentischer Content in der Unternehmenskommunikation dominieren wird. Die Storybox App ermöglicht schnelles Schneiden und Hochladen von Bewegtbildern.

So können hochwertige Videos einfach am Smartphone bearbeitet und für die interne sowie externe Kommunikation publiziert werden. Rodrian: „Wer auf ‚Speed of Content‘ setzt, ist der Gewinner der Stunde. Kommunikation über Videos wird immer wichtiger. Deshalb benötigt man Möglichkeiten, um Inhalte schnell produzieren zu können.“

Dem stimmt Alex von Harsdorf zu, Mitgründer und CEO der Onlineshopping-Plattform Livebuy. Durch die Livebuy App können Verkäufer ähnlich wie bei einem Teleshoppingkanal über Videostream mit Kunden in Kontakt treten und Waren verkaufen. Eine Technologie, die im Ausland bereits erfolgreich ist. „In China werden auch Autos und Immobilien über einen Livechat verkauft“, so von Harsdorf.

 

Tag 2 – im Fokus: Life Science & Healthcare

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gibt mit seiner Begrüßung den Startschuss für den zweiten Tag. Das Thema: Life Science & Healthcare.

Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse, ist Advokat für ein digitales Gesundheitswesen und hat die Einführung der elektronischen Patientenakte maßgeblich vorangetrieben. In seinem Impulsvortrag betont er, dass erst in den letzten Jahren die Grundlage für Innovationen im deutschen E-Health-Markt geschaffen wurde. „Digitale Lösungen werden künftig den bürokratischen Albtraum hinter unserem Gesundheitssystem beseitigen“, sagt Baas. 20 Millionen Deutsche würden bereits von den Vorteilen der Gesundheits-Apps profitieren; Telemedizin werde gerade durch Corona immer beliebter.

Eine finanzielle Förderung von Start-ups ist auch durch Krankenkassen möglich. Baas erinnert jedoch daran, dass es Krankenkassen nicht um Profitmaximierung geht, sondern um Produkte, die einen Mehrwert für Patienten bieten. Er berichtet von einer Abteilung der TK, die sich nur um die Förderung von Start-ups kümmert.

Der E-Health Markt ist sehr lukrativ

Moderne Medizin: Die elektronische Patientenakte ist für viele die Grundlage eines fortschrittlichen Gesundheitssystems

Mehrwert für Patient und Ärzte

Wie so ein Vorteil für Patienten aussehen kann, zeigt das Unternehmen von Dr. Chris Rehse. Er ist Gründer und CEO von neotiv. Für die digitale Plattform hat er kognitive Tests entwickelt, die der Alzheimer-Forschung dienen.

Durch diese Tests bekommen Patienten eine frühzeitige, medizinische Einordnung von Gedächtnisproblemen im Zusammenhang mit ihrer Erkrankung. „Wenn man sich den Bereich Alzheimer und Demenz anschaut, gibt es viele Anknüpfungspunkte bei Diagnose, Behandlung und Forschung, bei denen E-Health einen wichtigen Beitrag leisten kann“, sagt Rehse.

Aber auch im Gesundheitssystem wollen nicht alle Beteiligten den Umschwung mitmachen. So berichtet Dr. Olivier Flückiger, Mitbegründer von RoX Health, dass viele Ärzte Angst haben, durch Automation ersetzt zu werden. Rox Health hilft Start-ups bei der Entwicklung von E-Health-Produkten.

Er versichert, dass Künstliche Intelligenz (KI), Robotik und digitale Kommunikation nie das Gutachten eines Mediziners ersetzen, sondern stets eine unterstützende Rolle einnehmen. Flückinger: „Es muss noch viel mehr Werbung gemacht werden für die Vorteile, die nicht nur Patienten, sondern auch Ärzte von einem digitalen Gesundheitssystem haben. Momentan blickt man oft noch in fragende Gesichter.“

 

Tag 3 – im Fokus: Industrial Tech

Der letzte Tag des Events ist dem industriellen Fortschritt gewidmet. Professor Sabina Jeschke ist scheidende Vorständin für Digitalisierung & Technik bei der Deutschen Bahn. Die Expertin in den Bereichen Robotik, Automatisierungstechnik, Verkehr und Mobilität sowie Internet of Things beobachtet einen signifikanten Anstieg von Start-ups im Industriesektor.

An eindrucksvollen Beispielen zeigt sie zudem die neuesten Projekte der Deutschen Bahn. So hält Automatisierung zunehmend Einzug in den internationalen Schienenverkehr. „Die Bahn muss den Fokus auf Automatisierung legen, um die wachsende Nachfrage nach Fortbewegung stemmen zu können“, so Jeschke. Durch riesige Kommunikationsnetze etwa könnten Abstände zwischen einzelnen Zügen verringert werden, weil die Zugmaschinen digital miteinander verbunden sind und stets Informationen miteinander austauschen. Wenn ein Zug beispielsweise unerwartet bremsen muss, drosseln nachkommende Züge automatisch das Tempo.

Gleiches gilt für die Wartung. Diese soll „zukünftig in jedem Schritt durch KI unterstützt werden“, so Jeschke. Beim Einfahren in Bahnhöfe scannen Kameras den Zustand des Zuges und geben der Zentrale diese Informationen weiter. Der KI fällt selbst das Fehlen einzelner Schrauben auf. In wenigen Jahren sollen sich Züge sogar automatisch in die Wartung begeben.

Ein Mann konzipiert neue Ideen

Brainstorming: Innovation entsteht, wenn unterschiedlichste Ideen zusammengeführt werden

Nicht ohne Innovation

Gegen Ende des Events fasst Dr. Uwe Kirschner, Vizepräsident von Bosch Management Consulting & Partner Business Model Innovation, die Entwicklungen in der Start-up-Szene zusammen. Kirschner: „In den Fortune 1.000 sind mittlerweile 70 Prozent der Unternehmen Newcomer, die durch disruptive Technologien einen neuen Zeitgeist kreiert haben.“ Dafür benötige es aber Innovationsprozesse, die Teil der Unternehmenskultur seien, die also in der Praxis gelebt werden. Nur die Bereitschaft für Veränderung könne auch Innovationen hervorbringen.

Seine Kollegin Dr. Ann-Kathrin Leiting, zuständig für Business Intelligence bei Bosch Security & Safety Systems, geht genauer auf die Ideenentwicklung in dem Konzern ein.

Bei Bosch wird der Prozess in mehrere Phasen aufgeteilt. Mitarbeiter haben die Freiheit neue Ideen zu entwickeln. Die können auch über den eigenen Verantwortungsbereich hinausgehen und während der Arbeitszeit erarbeitet werden. Erst wenn solche Möglichkeiten in der Unternehmenskultur etabliert werden, könnten Ideen am Ende auch zu einem neuen, funktionierenden Geschäftsmodell führen.

19.02.2021    Manuel Kunst
Zur Startseite