12.08.2020

Buchkritik

Künstliche Intelligenz sozialisieren

Die Frage nach dem Sinn des Lebens beschäftigt die Menschen seit der Antike. Heute, im zweiten Maschinenzeitalter, ist sie aktueller denn je. Denn: Wer ist der Mensch in einer Welt, in der selbstlernende Computer bald in alle Lebensbereiche eingreifen und ihn manipulieren können? Dieser Frage widmet sich der Philosoph Richard David Precht.

Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens

Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens,
Richard David Precht
Goldmann Verlag, München 2020,
256 Seiten, 18 Euro

In seinem neuen Bestseller „Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens“ fragt Richard David Precht, wie wir in Zukunft leben wollen. Dabei entlarvt Deutschlands populärster Philosoph die Visionen der Trans- und Posthumanisten des Silicon Valley, die von enorm potenzierten Gehirnen träumen, als „blutleer und banal“.

Stattdessen fordert Precht in Anlehnung an Kant, „das Nicht-Banale am Menschen neu zu entdecken und ihn neu zu definieren, nicht als das Andere der Natur, sondern als das Andere der künstlichen Intelligenz.“

Nur so könne eine ethisch gute Zukunft, in der Menschen mehr sind als willenlose Konsumenten und Datenlieferanten, gelingen. Klar, dass auch Precht ein Korrektiv von Gesellschaft und Politik fordert, um die KI zu sozialisieren. Andernfalls seien nicht nur die Autonomie des Menschen, sondern auch die liberale Demokratie in Gefahr. Eine überzeugende Antwort, wie dieses Zähmen der Maschinen aussehen könnte, bleibt der Bestsellerautor jedoch schuldig.

Seine Conclusio: „Statt über einen Co-Existenzialismus mit Maschinen nachzudenken, sollten wir es mit dem Co-Existenzialismus mit Pflanzen und Tieren tun. Millionen Jahre der Evolution haben den Menschen ziemlich gut an die Lebensbedingungen unseres Planeten angepasst, wenige Jahrzehnte der KI werden ihm kein besseres Paradies bauen können, eher eine Hölle.“

Obwohl populärwissenschaftlich ausgelegt, gerät der Text bisweilen sperrig, aber Philosophie war schon immer eine Tour de Force des Geistes. Und wer die Mühe des Mitdenkens auf sich nimmt, wird mit neu gewonnen Erkenntnissen belohnt.

Zur Person

Richard David Precht

ist ein deutscher Philosoph und Publizist. Er lehrt als Honorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg und für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin.

12.08.2020
Zur Startseite