25.12.2020    Arne Gottschalck
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Verbraucher profitieren von LegalTech

Von wegen Robo-Anwalt

Die technologische Entwicklung macht vieles möglich. Zum Beispiel, sein Recht vom Sofa aus durchzusetzen. Überflüssig wird die Arbeit des klassischen Anwalts damit zwar längst nicht. Aber anders.

Bücher kaufen? Das bedeutete einst den Gang in den Buchladen, stöbern, beiseite legen – und manchmal eben auch bestellen. Heute geht dies online. So einfach kann es auch sein, Recht durchzusetzen. LegalTechs erlauben es, einfach von zu Hause aus und oftmals ohne Anwalt. Für den Nutzer bedeutet das vor allem zweierlei: einen einfacheren und einen schnelleren Zugang zum Recht. Und die Entwicklung steht erst am Anfang.

Möglich macht das die stetige Fortentwicklung der Technologie, aber auch die Findigkeit der Macher. Seien es die in kleinen Start-ups, seien es Großunternehmen, die ihre Rechtsabteilungen effizienter aufstellen wollen, oder eben Anwaltskanzleien, die ihr Geschäft der Rechtsberatung zukunftsfest gestalten möchten. 

Gutes Tech-Klima

Allen gemein ist der Ansatz: Die Technologie steht im Mittelpunkt. Sie soll etwas geschmeidiger machen, was bislang vielfach zäh ist. Sie soll beschleunigen, wo es langsam geht. Und sie soll vereinfachen. Rückenwind kommt auch aus Berlin: „Wir wollen die Chancen der Digitalisierung nutzen, um die Justiz und den Rechtsstaat zu stärken“, heißt es zum Beispiel aus dem Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. 

Wie präsent das Thema inzwischen ist, zeigt auch die Installation einer eigenen Interessenvertretung. Der Bundesverband Legal Tech Deutschland peilt an, „die vermeintliche Kluft zwischen Anwaltschaft und LegalTech-Unternehmen innerhalb und außerhalb von Kanzleien zu überwinden“, teilt die Organisation mit. Und 2018 richtete die Berliner Humboldt-Universität eine Forschungsstelle mit Blick auf die Digitalisierung des Rechts ein, deutschlandweit die erste. Daneben wirft eine flinke Google-Suche nach dem Thema 2,5 Milliarden Treffer aus, mehr als für das Suchwort „Real Madrid“.

Für Menschen wie Benedikt Quarch ist das keine Überraschung. Er ist mit seinem LegalTech RightNow in Deutschland unterwegs. „Wie ich dazu gekommen bin? Durch einen nicht angetretenen Flug und die Frage, ob man Erstattungsfragen nicht technisch lösen könnte.“ Kann man, stellte er fest.

Das Rechtsberatungsgesetz ist kein Hindernis. Denn die Ansprüche werden nicht juristisch gewürdigt, sondern kurzerhand abgetreten. RightNow und seine Konkurrenten bekommen also einen Anspruch, den sie gegenüber Fluggesellschaften durchsetzen. Der Kunde erhält zügig Geld. Ein Kostenrisiko, wie es beim Gang vor Gericht besteht, droht dem Passagier nicht, ebenso wenig eine Rechnung. Dafür behält das Start-up einen Teil der Entschädigung ein.

Tatsächlich zeigt das Beispiel, was LegalTechs leisten können. Ansprüche können komfortabel vom heimischen Sofa aus durchgesetzt werden. Michael Friedmann ist Gründer von Seiten wie frag-einen-anwalt.de oder 123Recht.de. „Unsere Vision ist, die Rechtsprobleme der Ratsuchenden innerhalb von Minuten zu lösen.“ Und weiter? „Der Kunde soll möglichst ein positives, dem Standard des 21. Jahrhunderts entsprechendes Einkaufserlebnis bekommen, wenn es um das Thema Rechtsberatung geht.“

Kein Entweder-Oder

Dazu gehört auch Tempo. Das dürfte jeder bestätigen können, der schon einmal dem Geld für einen ausgefallenen Flug hinterhergelaufen ist. Einen Anspruch auf Entschädigung hat er, so will es das EU-Recht. Doch diesen Anspruch durchzusetzen kann viel Zeit kosten. Da kommen LegalTechs ins Spiel. 

Entsprechend halten Quarch und seine Kollegen immer Ausschau nach Rechtsgebieten, die ähnlich gestrickt sind: einfache Ausgangslage, kleinteilig und damit für Anwälte oft nicht lohnend. Da ist nicht jedes Rechtsgebiet geeignet, sagt Quarch.

Das Beispiel zeigt: LegalTech ist keine Entwicklung von Kapuzenpullis gegen Anwälte. Es sorgt vielmehr für eine Form der Koexistenz. Die Juristen können mehr Zeit auf die rechtliche Würdigung schwieriger Fragen verwenden, die kleinteiligen Probleme löst die Technik. Das sieht man auch in Legal-Tech-Kreisen so. „Es gibt kein LegalTech auf der einen Seite und Anwälte auf der anderen Seite, sondern es ist einfach eine neue moderne Art des Rechts“, sagt Marco Klock, CEO der Digitalplattform Atornix. So wird es auch in seinem Unternehmen gehandhabt, wo sich Rat durch Technologie und Anwälte ergänzen. 

Quarch sagt: „Wenn ich ein hoch kompliziertes Erbrechts-Problem habe, dann werde ich wahrscheinlich nicht im Internet gucken, sondern zu einem ausgewiesenen Experten gehen.“ 

Dazu kommt: Längst nicht jedes LegalTech arbeitet unter den Augen der Kunden. Manche Entwicklungen unterstützen beispielsweise Kanzleien oder Unternehmensjuristen. Wie das geht? Beispiel Aktenstudium: Jeder kann sich vorstellen, wie viel Zeit es kostet, ein paar Hundert dicht bedruckte Seiten auf juristisch relevante Fakten hin abzuklopfen. Moderne Tech-Anwendungen helfen genau dabei und reduzieren damit für die Juristen die reine Fleißarbeit. 20 bis 90 Prozent weniger Aufwand sollen so drin sein, heißt es vom Research-Haus IndustryArc. Und in dieser Richtung wird es weitergehen: Jedes Jahr soll der Künstliche-Intelligenz-Legal-Markt um rund 40 Prozent wachsen, so die Tech-Experten. 

Deutschland kommt in Bewegung

Freilich ist der gesetzliche Rahmen in Deutschland etwas enger gesetzt als in anderen Ländern. In den USA etwa gibt es mit Wevorce Angebote für Online-Scheidungen – Künstliche Intelligenz macht es möglich. In Deutschland ist das nicht möglich: Das Gesetz sieht vor, dass Menschen sich in solchen Fällen von Anwälten vertreten lassen müssen. Aber Deutschland bewegt sich: Der Bundesgerichtshof hat die richterliche Faust auf den Tisch geschlagen und dem Portal wenigermiete.de bescheinigt, sich im zulässigen Rahmen zu bewegen und nicht gegen das Rechtsberatungsgesetz zu verstoßen. Ein Anfang.

Was bleibt als Zwischenfazit? Tech macht nicht nur den Büchereinkauf einfacher, sondern auch den Rechtsrat.

25.12.2020    Arne Gottschalck
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