09.09.2020    Miriam Rönnau

Verlierer der Coronakrise

Textilindustrie: Der digitale Wandel ist angekommen

Gastronomie, Reisewirtschaft, Einzelhandel: Spricht man über die Verlierer der Coronakrise, stehen diese Branchen meist im Fokus. Andere Industrien hingegen finden in der öffentlichen Diskussion kaum Beachtung – selbst wenn sie Teil der Wertschöpfungskette in den stark betroffenen Branchen sind. Dabei ist etwa die Textil- und Modeindustrie einen Blick wert.

Ganz klar: In den vergangenen Monaten wurde dem Einzelhandel übel mitgespielt. Zu Beginn der Coronapandemie hatte die Branche mit Verzögerungen in den Lieferketten zu kämpfen; Produkte kamen viel zu spät oder gar nicht in die Läden. Dann führte der Lockdown dazu, dass Geschäfte schließen mussten. Und auch heute gehen viele Menschen nur ungern einkaufen – teils, weil das Shoppen mit Mundschutz weniger Freude bereitet oder sie Angst haben, sich mit dem Virus zu infizieren. Teils aber auch, da sie aufgrund von Kurzarbeit oder gar Arbeitslosigkeit finanziell nicht mehr so gut dastehen.

Doch mit dem Einzelhandel eng verbunden sind auch andere Industrien, über die man in diesen Tagen allerdings weg hört. Dabei hat etwa die Textil- und Modeindustrie ebenso mit den Coronafolgen zu kämpfen.

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Einblicke in die Textilbranche

„Am schlimmsten hat es die Bekleidungshersteller getroffen. Im Durchschnitt sind die Umsätze in den ersten sechs Monaten um 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen“, sagt Anja Merker, Geschäftsführerin des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums Textil vernetzt beim Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie. In der Konsequenz mussten viele Unternehmen bereits Mitarbeiter entlassen oder in Kurzarbeit schicken.

In den vergangenen Jahren erwirtschafte die Textil- und Bekleidungsindustrie in Deutschland relativ konstante Umsätze. Zuletzt waren es rund 18,5 Milliarden Euro. Das zeigen im April veröffentlichte Zahlen des Statistisches Bundesamts. Polen war zuletzt der größte Abnehmer von in Deutschland produzierten Textilien, aber auch die USA, Großbritannien und die Schweiz sind für den Export wichtige Märkte. Kein Wunder also, dass die Coronapandemie die Textilindustrie vor Herausforderungen gestellt hat.

Aufgabe des Kompetenzzentrums ist es, kleine und mittlere Unternehmen der Textilindustrie, des Textilmaschinenbaus und auch angrenzender Branchen bei der digitalen Transformation und der Implementierung KI-basierter Anwendungen zu unterstützen. Doch im Frühjahr musste spontan umgedacht werden. So wurde beispielsweise beim Gesamtverband Textil und Mode  in den ersten Wochen der Krise ein digitaler Helpdesk für Unternehmen eingerichtet. Auf einer eigenen Corona-Sonderseite konnten Mitglieder mit allen wichtigen Informationen und Unterstützungsangeboten versorgt werden.

Nicht die erste Transformation

Schon vor der Krise stellten der Verband und das Kompetenzzentrum zahlreiche Angebote bereit, um die Innovationskraft der Branche zu sichern. Dazu gehören kostenlose Veranstaltungen, Webinare, Workshops und Praxisprojekte. Ein Beispiel: der „KI Escape ROOM“ in Denkendorf in Baden-Württemberg. Dort können sich Teams mit sechs Use-Cases befassen und so etwas über unterschiedliche Anwendungsfelder von Künstlicher Intelligenz lernen. Die Teilnehmer erleben beispielsweise eine Zeitreise in das Jahr 2083 und erproben intelligente Produkte und Services, um sich so die Nutzung von KI für das eigene Unternehmen zu erschließen.

Uns begegnet eine große Offenheit in unserer Branche. Das Gros unserer Unternehmen ist mittelständisch geprägt und oft familiengeführt. In vielen Betrieben ist inzwischen schon die nächste Generation in die Geschäftsführung eingebunden und mit viel Elan in Sachen Digitalisierung am Werk“, sagt Merker. Die Coronakrise habe darüber hinaus viele Unternehmen gezwungen, noch stärker an neuen Geschäftsmodellen oder dem Umbau ihrer Lieferketten zu arbeiten. Die meisten Unternehmen müssen sich nicht zum ersten Mal einer Transformation stellen. Die Textilindustrie war an vielen Punkten der Industriegeschichte eine Vorläufer-Branche für große Umbrüche.“

Die Nachfrage spricht für sich: Seit Eröffnung des Kompetenzzentrums vor knapp drei Jahren haben rund 3.000 kleine und mittlere Unternehmen Unterstützung gesucht. Damit wurden mehr als 4.000 Mitarbeiter des textilen und textilnahen Mittelstands erreicht. Über 700 Veranstaltungen und Termine an den Standorten Aachen, Berlin, Chemnitz, Denkendorf, Stuttgart und Villingen-Schwenningen haben bereits stattgefunden. Der digitale Wandel ist in der Textilindustrie angekommen. Unser Team weiß, wo der Schuh drückt, und findet immer wieder unternehmensindividuelle Lösungsansätze“, so Merker.

Anja Merker

ist Geschäftsführerin des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums Textil vernetzt beim Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie e.V.

„Besprechungen als Hybrid“

Ziel des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums Textil vernetzt ist es, die Innovationskraft und damit die Spitzenposition der deutschen Textil- und Modeunternehmen weltweit zu sichern. In Zeiten wie diesen eine Herausforderung. Geschäftsführerin Anja Merker über persönliche Learnings aus der Coronakrise.



Hätten Sie im vergangenen Jahr bereits von Corona gewusst, was hätten Sie anders gemacht?

Anja Merker: Wir haben zum Glück im vergangenen Jahr einen Internet-Relaunch gehabt. Dies hat uns die Arbeit in den Krisenwochen aufgrund der neuen Module sehr erleichtert. Wir konnten damit sehr schnell und nutzerorientiert unsere Serviceangebote schalten. Im Übrigen waren wir für den Umstieg auf das Homeoffice in den Shutdown-Wochen technisch ganz gut ausgerüstet. Da hat alles erstaunlich reibungslos geklappt – aber nur, weil unser Team auch vor der Krise schon immer sehr gut projektbezogen in immer neuen Konstellationen zusammenarbeitet hat. So war es auch kein Problem, von jetzt auf gleich eine Corona-Taskforce zusammenzustellen.

Immer wieder heißt es, Corona sorge für einen „Digitalisierungsboost“. Können Sie dies aus eigener Erfahrung bestätigen?

Merker: Mit Sicherheit ist jetzt sehr vieles schneller in Gang gekommen, wofür wir ohne die Krisenerfahrung der Covid-19-Pandemie noch Jahre gebraucht hätten. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass wir auch Zweifler dauerhaft von den Vorteilen und Chancen der Digitalisierung überzeugt haben. Stellen wir uns nur vor, wie wir eine solche Krise noch vor zehn oder 20 Jahren hätten managen wollen. Mit unserem Corona-Management und der Folgenbewältigung sind wir nun wirklich alle mitten im Zeitalter der Digitalisierung angekommen. Und die Digitalisierung wird sich nach dieser Erfahrung noch beschleunigen. Da bin ich mir ganz sicher.

Welche Learnings nehmen Sie aus der Krise mit?

Merker: Mit Sicherheit werden auch in Zukunft viele Besprechungsformate, Info- und Abstimmungsrunden online stattfinden. Auch in der Verbandswelt haben viele für sich beschlossen, in Zukunft nicht für jedes Treffen auf Reisen gehen zu müssen. Allerdings gibt es auch Treffen, die persönlich Sinn machen. Jeder weiß, dass er seine Kontakte auch persönlich pflegen muss. Nur auf dieser Basis kommt man dann in virtuellen Konferenzen zu guten Ergebnissen. Zurzeit bieten wir viele Besprechungen als Hybrid an. Damit ist beides möglich – natürlich mit entsprechenden Hygienemaßnahmen für die persönliche Begegnung vor Ort.

09.09.2020    Miriam Rönnau
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