20.12.2019    Madeline Sieland

Mittelständer und Konzerne über neue Produkte

Wie Innovationen gefördert werden

Neue Produkte und Services sind das Ergebnis eines kreativen, ergebnisoffenen Prozesses. Wie ist dieser gestaltet? Was kann Innovation hemmen, was fördert sie? Gründer sowie Chefs von Mittelständlern und Konzernen erklären ihre Strategien.

Kontrolle killt Kreativität. Davon ist Stefan Herbst, Gründer des InsurTechs Helden.de, überzeugt. Er agiert in einer Branche, die vonseiten des Gesetzgebers stark reguliert ist. „Wir haben im Versicherungswesen einen Regelwust, den man mit wahrscheinlich guten Absichten geschaffen hat“, sagte Herbst bei der KPMG-Talkshow „Klardenker live“. Deren Thema: Corporate Governance, also die Einhaltung von Gesetzen und moralischen Grundsätzen. 

„Der Vorstand trägt bei der Festlegung der Strategie und der operativen Ausrichtung dafür Sorge, dass die Regulatorik eingehalten wird“, sagt Jan-Hendrik Gnändiger, Head of Compliance bei KPMG. „Mit einem Compliance-Managementsystem schafft er ein Überwachungsinstrument, das Risiken identifiziert und bewertet sowie mit geeigneten Maßnahmen die Einhaltung der Regulatorik sicherstellt.“ Solch eine verantwortungsvolle, an Ethik orientierte Führung resultiert laut einer Studie der Beratung Gallup langfristig in mehr Effizienz und größerem Erfolg.

Herbst hält allerdings dagegen: „Wenn ich mich ständig mit Regeln beschäftigen muss, stecke ich sofort in einem Gedankengefängnis. Dann kann ich die Dinge, die ein kreativer Prozess hervorbringt, nicht umsetzen.“

Mehr Forschung, weniger Innovation

Doch kreativ sein, um die Ecke denken – das ist die Voraussetzung für Innovation. Und nach der Höhe der Ausgaben für Forschung und Entwicklung müsste die deutsche Wirtschaft bei Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz oder Blockchain eigentlich weiter sein. Seit der Jahrtausendwende haben sich diese Ausgaben auf 88 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. Doch 2018 hat die Expertenkommission Forschung und Innovation, welche die Bundesregierung berät, festgestellt, dass der Anteil von Firmen, die Produkt- oder Prozessinnovationen hervorbringen, seit 1999 von 56 auf 35 Prozent zurückgegangen ist.

In Deutschland – das zeigt nun auch die Studie „Innovative Milieus“ der Bertelsmann Stiftung und des Forschungsinstituts IW Consult – sinkt die Innovationskraft. Gut die Hälfte der Unternehmen haben es verpasst, ihr Innovationsprofil an neue Bedingungen anzupassen, heißt es in der Studie. In jeder neunten Firma halten die Chefs Neuentwicklungen sogar nicht für wettbewerbsrelevant oder sehen sich nicht in der Lage, sie umzusetzen.

Lediglich sechs Prozent der hiesigen Unternehmen können sich Technologieführer nennen. Sie fallen besonders durch eine große Zahl an Patentanmeldungen und eine starke Vernetzung mit der Wissenschaft auf. Zu dieser Gruppe gehören vor allem Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mindestens 50 Millionen Euro ab 250 Mitarbeitern. Technologieführer agieren primär in den Branchen Chemie und Pharma sowie in der Metall- und Elektroindustrie. Den größten Nachholbedarf in Sachen Innovationsförderung haben Firmen in den Bereichen Bau, Logistik und Großhandel sowie industrienahe Dienstleister.

Innovationsmüder Mittelstand?

Eine gelbe Rose mit einem Lan-Kabel als Wurzel

Digitale Wurzeln schlagen: Rein analoge Geschäftsmodelle werden es künftig schwerer haben

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Besonders innovationsmüde scheinen kleine und mittlere Unternehmen zu sein. „Verpassen sie den Zeitpunkt für den notwendigen Strukturwandel hin zu mehr Innovationsfähigkeit, können sie und ihre Beschäftigten schnell zu Opfern veränderter Marktbedingungen werden“, sagt Armando García Schmidt, Wirtschaftsexperte bei der Bertelsmann Stiftung.

Als Hauptgründe für diese verbreitete Innovationsmüdigkeit nennen die Studienmacher mangelnde Risikobereitschaft und eine fehlende Innovationskultur, die Mitarbeiter ermutigt, neue Wege zu gehen. „Eine Atmosphäre des offenen, vertrauensvollen Dialogs und ein wertschätzender Umgang mit Vorschlägen führen immer dazu, dass sich Querdenker eingeladen fühlen, Neues, Ungewöhnliches und Erstaunliches beizutragen“, sagt Christian Friege, Vorstand des Fotodruckservices CEWE. „Aber genauso braucht man Geradeausdenker für die Umsetzung.“ Friege ist einer der 16 Chefs aus mittelständischen Unternehmen, Konzernen und Start-ups, die im DUB UNTERNEHMER-Magazin erklären, wie der Spagat zwischen dem Festigen des Kerngeschäfts und der Förderung von Innovationen gelingt. Dabei stand auch die Frage im Raum: Können Regeln und Gesetze tatsächlich die Kreativität und damit Innovationen hemmen?

Räume ohne Regeln

„Wir fokussieren uns manchmal zu sehr darauf, die Regeln, die wir haben, einzuhalten“, sagt Kai Andrejewski, Regionalvorstand Süd bei KPMG. „Aber Innovation hat auch immer ein wenig damit zu tun, über eine Grenze hinauszugehen.“ Er verweist auf Uber. Der Fahrdienst überschreite bewusst Gesetze, die im Beförderungsbereich gelten. Eigentlich ein klarer Rechtsbruch. Aber: „Man kann sich natürlich fragen: Ist dieses Umfeld nicht so überreguliert, dass ich Druck ausüben und die Gesetze infrage stellen muss, um meine unternehmerische Freiheit zu erhalten und Innovationen hervorzubringen?“, so Andrejewski. 

Auch Gesa Heinacher-Lindemann, Chief Compliance Officer bei der Klassifikationsgesellschaft DNV GL, betont, dass Innovation einen regelleeren Raum brauche. „Selbstverständlich werden die geltenden Gesetze eingehalten“, sagt sie. „Aber wir müssen den Start-ups, die zu unserem Unternehmen gehören, ja nicht mit der vollen Ägide der Compliance-Regeln kommen.“ Der Fokus liege auf den wesentlichen Punkten. Man müsse beispielsweise in einem Start-up niemanden schulen, wie das Exportkontrollrecht einzuhalten sei, wenn sie das im Arbeitsalltag sowieso nicht brauchen. „Das würde sonst jede Innovation ersticken“, betont Heinacher-Lindemann.

Disruption statt Tradition

Start-ups – so die Autoren der Bertelsmann-Studie – zählen primär zu den disruptiven Innovatoren. Deren Merkmale: eine hohe Risikobereitschaft und der Mut zu radikalen Ideen, die mithilfe aller Mitarbeiter abseits klassischer Hierarchien entwickelt werden. Unternehmen dieser Gruppe sind oft in der Medienbranche sowie unter den unternehmensnahen Dienstleistern zu finden. Sie investieren im Schnitt 5,8 Prozent ihres Umsatzes in die Digitalisierung von Prozessen und Geschäftsmodellen; über alle identifizierten Milieus hinweg sind es nur 3,4 Prozent. Und das hat Auswirkungen auf den wirtschaftlichen Erfolg: Bei disruptiven Innovatoren fällt die Nettoumsatzrendite um 33 Prozent höher aus als im Durchschnitt aller Milieus.

20.12.2019    Madeline Sieland
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