22.04.2020    Charlotte Reuscher
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Vermögensaufbau in Krisenzeiten

Aktien, Anleihen, Rohstoffe – wo lohnt sich jetzt eine Geldanlage?

Vermögen sichern, Chancen nutzen – auch in der Krise wollen die (Unternehmens-) Finanzen organisiert werden. Doch viele Selbstständige sind verunsichert: Sollten sie nicht lieber aus Aktien aussteigen und sich nach sichereren Geldanlagen umsehen? Oder ist gerade jetzt die Zeit gekommen, einzusteigen und richtig Rendite zu machen? Im DUB Business Talk klärten zwei Top-Experten aus der Finanzbranche die derzeit wichtigsten Anlage-Fragen:

Ich möchte mein Vermögen sichern und nicht spekulieren. Sind Aktien dafür überhaupt noch geeignet?

Spätestens seit Beginn der Niedrigzinsphase haben sich Aktien bei der Geldanlage als das Mittel der Wahl erwiesen: Nun führt die Krise zu massiven Gewinneinbrüchen bei Unternehmen, zu Streichungen von Dividendenzahlungen, zu drohenden Totalausfällen. Trotzdem, sagt Dr. Manfred Schlumberger, sollte man sich jetzt nicht generell von Aktien abwenden: „Das Schöne an der Börse ist, dass sie immer versucht, die Zukunft zu antizipieren. Nach dem Crash im März geht es jetzt deutlich aufwärts – das heißt, die Märkte erwarten, dass sich in zwei, drei Monaten die schlimmsten Wellen wieder geglättet haben.

Denn: Die Zinsen dürften weiter nahe Null bleiben, die EZB und insbesondere die US-Notenbank Fed pumpen gewaltige Summen über Ankaufprogramme in die Märkte, um die Liquidität zu erhalten. Das hilft Unternehmen, die Krise zu überstehen – und das wiederum hilft auch den Aktienmärkten. Das heißt: Auch, wenn die Gewinnentwicklung der Unternehmen im Augenblick katastrophal scheint, gibt es monetär und damit auch psychologisch ein positives Umfeld, das die Märkte stützt.“

Marc Cavatoni fügt hinzu: „Wichtiger denn je ist es jetzt, einen guten Finanzplan zu haben, in dem der Zeithorizont und die Risikotragfähigkeit festgelegt sind. Es ist wichtig zu wissen, wofür die Gelder gedacht sind – zum Beispiel für den langfristigen Vermögenserhalt. Und da sehe ich keine Alternative zu Sachwerten, also auch Aktien. Diese werden übrigens dadurch gestützt, dass Pensionsfonds weiterhin Aktien kaufen, weil sie Garantieverzinsungen erreichen müssen.“

Vom Aktienmarkt hört man gerade viel – aber wie sieht es eigentlich bei Anleihen aus?

Als wenig lukrativ, aber relativ sicher galten vor der Krise solide Staatsanleihen. „Viele Anleger haben in den vergangenen Jahren auf vielversprechendere Unternehmensanleihen gesetzt. Das kommt jetzt oft teuer zu stehen: Gerade riskante Hochzins- und Schwellenländer-Anleihen sind im März in die totale Illiquidität gestürzt. Zwar stiegen die Zinsen– aber der Verkauf von Anleihen fällt ungleich schwerer als zum Beispiel bei Aktien.

Und wenn man solche Anleihen noch los wird, dann zu einem eher niedrigen Kurs. Insofern würde ich sagen: Unternehmensanleihen sind gerade eher etwas für Mutige – für sie könnten sich vielleicht sogar Lufthansa-Anleihen lohnen, deren Rendite aktuell, schätze ich, bei rund sechs Prozent liegt.“

Wie sinnvoll ist der Kauf von Gold? 

Seit Jahr und Tag setzen Menschen in Krisenzeiten auf das gelbe Edelmetall – es gilt als wertstabil und als Schutz vor Inflation. „Auch jetzt rechne ich damit, dass es perspektivisch zu einer moderaten Inflation kommen kann“, sagt Marc Cavatoni, „So gesehen, kann eine Investition eines Teils des Vermögens in Gold durchaus Sinn ergeben. Allerdings: Gerade bewegt sich der Goldpreis auf einem Allzeithoch, Gold ist also sehr teuer.

Nach dem Aktien-Crash im März geht es an der Börse gerade aufwärts. Welche Branchen bieten Potenzial?

„Hätten Sie jetzt den Mut, bei Lufthansa einzusteigen, einem Unternehmen, das gerade jede Stunde eine Million Euro verliert?“, fragte Moderator Jens de Buhr provokativ. „Im Moment wäre das klare Zockerei“, entgegnete Dr. Schlumberger. „Aber“, so Cavatoni, „ich gehe schon davon aus, dass Menschen wieder fliegen werden, und wir brauchen auch weiterhin den Cargo-Bereich.

In den USA haben wir gesehen, dass Boeing so massiv vom Staat unterstützt wurde, dass dort bis September keine Mitarbeiter entlassen werden müssen. So etwas könnte auch bei Lufthansa passieren. Klar ist allerdings: Die Dividende ist erst einmal gestrichen und ohne massive Unterstützung wird es mittelfristig nicht gehen.“

Bessere Chancen verorten beide Experten daher in anderen Bereichen. „Es gibt durchaus Branchen, die in der Krise nicht so sehr leiden, zum Beispiel Versorger und Telekommunikationsunternehmen. Interessant sind auch Biotech und der Gesundheitssektor, in die gerade recht viel Geld fließt“, sagt Dr. Schlumberger.

Der durch Corona angestoßene Digitalisierungsschub biete auch Chancen „Homeoffice und Videokonferenzen werden sich auf lange Sicht im Arbeitsleben etablieren – für ein zweistündiges Meeting von München nach Hamburg und zurück zu fliegen, wird bald der Vergangenheit angehören. Anbieter von digitalen Anwendungen sollten davon profitieren. Allerdings sitzt der Großteil von ihnen in den USA – ob Deutschland hier den Anschluss noch findet, bleibt abzuwarten.“

Immobilien stehen in dem Ruf, verlässliche und sichere Anlagen zu sein – auch jetzt?

„Gute Erträge galten bei Immobilien als Kapitalanlage lange als gesetzt – in der Krise zeigt sich aber ein Problem: Der Staat kann darauf zugreifen, indem er privaten und geschäftlichen Mietern erlaubt, die Miete später zu zahlen“, erläutert Dr. Schlumberger. Zudem seien die Preise noch immer sehr hoch. Cavatoni weist auf ein weiteres Problem hin: „Wir werden perspektivisch eine viel höhere Staatsschuldenquote haben – das bedeutet auch höhere Steuern. Die könnte der Staat bei Immobilienbesitzern eintreiben wollen.“

Wie werden sich die Börsen bis Ende des Jahres entwickeln?

Marc Cavatoni: „Die Höchststände vom Februar 2020 werden wir wohl so schnell nicht wieder erreichen, aber ich sehe gutes Wachstumspotenzial. Das gilt vor allem für Unternehmen aus den Bereichen Technologie und Gesundheit sowie für Firmen mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit.“

Dr. Manfred Schlumberger: „Ich denke, dass der Dax, wenn es gut läuft, sich wieder Richtung 11.000 Punkte entwickeln könnte. Über den Sommer werden wir wohl eine Konsolidierung sehen – viele Menschen sind arbeitslos geworden, darunter wird auch der Konsum leiden – aber zum Jahresende halte ich die 12.000 Punkte durchaus für machbar. Weltweit sehe ich in diesem Zeitraum die besten Chancen im asiatischen Raum, vor allem in Japan, China oder Südkorea.“

22.04.2020    Charlotte Reuscher
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