10.07.2020    Arne Gottschalck

Vintage-Armbanduhren

Neuer Glanz für altes Eisen

Alte Sammlerstücke für das Handgelenk benötigen genauso viel Pflege wie neue hochwertige Armbanduhren. Warum das so ist? Ein Blick ins Getriebe der Uhrmacherei.

Ein feines Ticken ist zu hören. So, wie man es eben bei einem Uhrmacher erwartet. Sezgin Yavuz beugt sich über das Innere einer alten Uhr, der Blick ist durch das künstliche Zyklopenauge des Uhrmachers geschärft. Yavuz verkauft Uhren bei Georg Kramer mitten im trendigen Hamburger Stadtteil Winterhude. Aber er repariert sie auch, er pflegt sie. Genau das ist wichtig für Uhren, die schon einige Jahre oder Jahrzehnte auf dem Buckel haben.  

Früher ging es dabei oft ums Öl. Das konnte verharzen und den Lauf des Räderwerks hemmen. Heutige Öle sind hochwertiger. Dennoch ist es noch immer sinnvoll, Uhren von Zeit zu Zeit eine Pflege samt Öl zu gönnen. Schon, um den Albtraum des Uhrmachers zu vermeiden: Die Uhr läuft trocken, Metall reibt auf Metall, die Mechanik leidet. Damit es nicht so weit kommt, sollte die Uhr in festen Intervallen einen, nun ja, Ölwechsel bekommen.

So viele Teile, so wenig Öl

„Das wissen viele aber nicht“, sagt Yavuz, den Kopf weiter über eine Wempe-Uhr aus den 1970er-Jahren gebeugt. „Sie kaufen eine hochwertige Uhr und lassen sie dann laufen. Jahrelang, ohne Pflege. Schauen Sie, ein Auto wird gefahren und hat dann erst einmal eine Pause. Es steht idealerweise in der Garage oder in einem Carport. Eine Uhr arbeitet immer, pausenlos. Das sind teilweise 432.000 Schwingungen am Tag. Etwas Vergleichbares schafft kein Auto.“ 

Zwischen 200 und 300 Wartungsfälle hat er jährlich auf der Werkbank. Was kein Wunder ist. Denn Armbanduhren sind längst nicht ausgestorben, auch wenn Smartphones die Zeit sekundengenau anzeigen und die Ära der Helferlein am Handgelenk deshalb längst abgelaufen sein könnte. Doch allein die Schweiz konnte ihren Umsatz im Uhrenexport im Januar 2020 um über neun Prozent steigern, meldete der Uhrenverband „Fédération de l’industrie horlogère suisse“. Zwar sank die Zahl der Uhren, aber dafür stieg der Wert der ausgeführten Waren.

Dazu kommt: Uhren sind vielfach ein Hobby, sie zu tragen ist ein Statement. Gerade für Männer, denen im Büroalltag konservativer Unternehmen nur am Handgelenk eine gewisse Exzentrik gestattet ist. Tatsächlich besitzen über 60 Prozent der Deutschen mehr als eine Uhr, zeigt eine Erhebung von Statista. Darunter findet sich so mancher alter Zeitmesser – geerbt oder ersteigert. Und die brauchen nun einmal Pflege. „Ohne solche Maßnahmen leidet der Wert einer Uhr“, sagt Stefan Muser, Inhaber des Uhrenauktionshauses Dr. Crott. Zwar betrachtet längst nicht jeder Sammler seine Uhren als Geldanlage. Funktionieren sollen die Taktgeber dennoch.

Im Winterhuder Geschäft von Georg Kramer kennt man das Business seit über 70 Jahren; so lange ist Kramer Uhrmacher. Zuerst als junger Lehrling, dann als angestellter Geselle, später als selbstständiger Meister. Inzwischen unterstützt ihn Sezgin Yavuz. 

Auseinanderbauen, prüfen, ölen und zusammensetzen – die Standardrevision. Nach so einer Revision ist erst einmal Ruhe. „Zehn Jahre halten die modernen Öle schon, das ist kein Problem. Es sei denn, in der Uhr verbinden sich Schmutz und Öl – aber das ist bei Sammlerstücken eher selten der Fall, da sie meist sorgsam verwahrt werden“, erklärt Muser. Mehr braucht es in seinen Augen nicht. „Man kann auch viel kaputt machen, indem man etwa das Zifferblatt und die Zeiger aufarbeiten lässt. Denn die machen rund 60 Prozent des Werts einer Vintage-Armbanduhr aus.“ 

Pannenhelfer für die Uhr

Schwieriger wird es, wenn die Uhr stehen geblieben ist. Denn anders als in der Autobranche, wo ganze Abteilungen mit Rat, Tat und Ersatzteilen bereitstehen, hat sich die Uhrenindustrie nach der Quarzkrise in den 1970er-Jahren von allem getrennt, was früher war – inklusive Bauplänen und Ersatzteilen. Damals kamen die günstigen Quarzwerke auf, die einfachen mechanischen Uhren den Garaus machten und die Industrie in die wohl schwerste Krise ihrer Geschichte stürzten.

Einige Anbieter wie etwa Rolex haben noch einen Fundus an Ersatzteilen, so Muser. Patek Philippe wiederum helfe mit neuen Bauteilen aus. „Jeder Hersteller ist anders. Entscheidend ist es daher, einen Uhrmacher des Vertrauens zu haben.“ Ein guter Uhrmacher habe vorgesorgt, berichtet Yavuz – etwa Ersatzteile zurückgelegt und so manche alte Uhr als Ersatzteillieferant gekauft. Und wenn das nicht reicht, wird die Drehbank eingesetzt, um fehlende Teile selbst anzufertigen.

Eines nehmen aber Kramer & Co. ihren Kunden nicht ab: die Dokumentation. Die muss jeder Uhrenfreund allein bewerkstelligen. Und das ist wichtig, betont Muser. „Gerade für Versicherungen. Sie glauben nicht, bei wie vielen Menschen der Safe ausgeräumt wird und dann keine Unterlagen über die Uhr vorliegen, keine Fotos, nichts.“ 

Yavuz hat derweil eine Taucheruhr von Wempe wieder zusammengebaut. Was das Schöne an einer alten Uhr ist? „Wenn sie nach einer Reparatur oder Revision erstmals wieder anspringt – für mich ist das ein toller Moment.“ Dem Eigner einer solchen Uhr dürfte es ähnlich gehen.

10.07.2020    Arne Gottschalck
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