24.06.2020    Miriam Rönnau
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Betriebliches Gesundheitsmanagement

Homeoffice: Raus aus dem Tran

„Bleib gesund!“ Jeder wurde zuletzt hin und wieder so verabschiedet. Die neue Abschiedsgrußformel zeigt: Das Thema Gesundheit gewinnt enorm an Relevanz. Unternehmen sollten die Entwicklung ernst nehmen – und ihr betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) anpassen. „Es waren über 300 Teilnehmer im Call. Das zeigt, es besteht Bedarf an fachlichem Austausch“, sagt Mustapha Sayed. Doch worauf gilt zurzeit besonders zu achten? Gemeinsam diskutierte der BGM-Leiter der Krankenkasse BARMER im DUB Video-Call mit

  • Prof. Dr. Volker Nürnberg, Partner bei der BDO Wirtschaftsprüfungsgesellschaft
  • Dr. Lothar Zell, Facharzt für Innere- und Arbeitsmedizin, Leiter Medical Services & Health Management der Lufthansa
  • Alica Schütz, Feel Good Managerin bei CompuGroup Medical

und Moderator Jens de Buhr, der Verleger des DUB UNTERNEHMER-Magazins.

Warum ist es sinnvoll, jetzt ein BGM einzuführen oder auszubauen?

„Wir erleben gerade eine Disruption im Bereich Gesundheit“, sagt Professor. Dr. Volker Nürnberg, Partner bei der BDO Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Denn zum einen verändern sich die Bedürfnisse der Mitarbeiter, Gesundheit wird wichtiger. Zum anderen wird der persönliche Kontakt aufgrund von „Social Distancing“ und Abstandsregeln reduziert – analoge BGM-Maßnahmen können derzeit nicht stattfinden.

Präsentationsfolie zur Aktualisierung der Maslowsche Bedürfnispyramide von Prof. Nürnberg

Die Maslowsche Bedürfnispyramide: Corona hat die Bedürfnisse der Mitarbeiter verändert – neben Wlan und Akku ist auch weiterhin der Bedarf an Nudeln und Klopapier groß (Quelle: Präsentation von Prof. Nürnberg, BDO)

Stattdessen hat sich Homeoffice etabliert – und schlägt sich fatal in den Gewohnheiten der Mitarbeiter nieder. „Zu Hause greifen viele eher auf Fast-Food zurück. Eine Studie von des Wearable-Herstellers Fitbit zeigt: seitdem die Deutschen im Homeoffice arbeiten, bewegen sie sich um rund 25 Prozent weniger“, sagt Nürnberg.

Und auch an anderer Stelle macht sich das Arbeiten zu Hause bemerkbar. Stichwort Ergonomie. „Wir haben ein umfangreiches Arbeitsschutzgesetz. Nur weil die Menschen jetzt zu Hause arbeiten, dürfen wir nicht die Augen verschließen“, mahnt der Experte. Denn während im Büro vielfach die Höhe des Monitors oder das Gestühl unter ergonomischen Gesichtspunkten ausgewählt sind, regiert daheim vor allem der individuelle Geschmack.

Selbstverständlich hat die Pandemie auch Einfluss auf die physische und mentale Gesundheit. „Wir stellen fest: Der Bedarf an Hilfestellung für mentale und physische Gesundheit ist durch Kurzarbeit, Homeoffice und Verunsicherung gestiegen“, sagt Dr. Mustapha Sayed, BGM-Leiter bei der BARMER.

Diese Faktoren führen zu einem Paradigmenwechsel, ist sich Nürnberg sicher. Er ist davon überzeugt, dass die Gesundheit der Mitarbeiter langfristig mehr in den Fokus der Unternehmen rücken wird. Denn Unternehmen, die durch ein wirksames BGM ihre Belegschaft nachhaltig unterstützen, werden nicht nur leistungsfähigere und gesündere Arbeitnehmer haben, sondern auch ihre Attraktivität im „War for Talent“ steigern. Der Effekt ist klar – und wie sieht es bei den Kosten aus?

Sayed: „Betriebliches Gesundheitsmanagement klingt erstmal nach viel Arbeit. Aber das muss nicht sein. Schon eine Betriebliche Gesundheitsförderung kann helfen – indem Führungskräfte die Mitarbeiter für Themen wie Bewegung und Ernährung sensibilisieren.“

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Neben der Sensibilisierung gibt es zahlreiche Ernährungs-Apps, die etwa Tipps für eine schnelle, aber gesunde Mittagsküche geben. Und: „Führungskräfte sollten idealerweise mit gutem Beispiel vorangehen, eine Vorbildfunktion einnehmen“, sagt Alica Schütz, Feel Good Managerin bei CompuGroup Medical.

Auch Themen wie Achtsamkeit, Entspannung und Steigerung des persönlichen Wohlbefindens gewinnen an Bedeutung. Unternehmen, die ihre BGM-Maßnahmen an die Bedürfnisse der Belegschaft anpassen möchten, finden etwa über den „Digital Health Guide“ der BARMER Unterstützung. Grundsätzlich gilt beim BGM: „Es gibt kein Allheilmittel. Man muss sich mit den jeweiligen Bedürfnissen, die es in den Unternehmen gibt, beschäftigen“, sagt Sayed.

Wie das konkret aussehen kann, erklärt Dr. Lothar Zell, Leiter Medical Services & Health Management, der Lufthansa: Die Fluggesellschaft hat für ihre Mitarbeiter ein spezielles Postfach eingeführt, an das sie ihre Bedürfnisse und Herausforderungen adressieren können. Innerhalb von 24 Stunden erhalten die Beschäftigten eine Antwort. Solche Maßnahmen geben Chefs nicht nur Einblick in das Wohlbefinden der Belegschaft, sondern zeigen den Mitarbeitern: wir kümmern uns. „Daneben haben wir auch wöchentliche Online-Konferenzen, in denen die Kollegen ihre persönlichen Erfahrungen schildern“, sagt Zell.

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Ungenügende technische und ergonomische Arbeitsausstattung im heimischen Büro, ständige Erreichbarkeit, dezentrales Führen – derzeit sind die Bedingungen im Homeoffice meist nicht ideal. „Wir brauchen einen Homeoffice-Führerschein“, sagt Nürnberg. „Es muss Regeln für Heimarbeit geben.“

Zwar erwartet er nicht, dass die Mitarbeiter von nun an langfristig zu 100 Prozent im Homeoffice arbeiten, doch wird sich die Arbeitsweise in diese Richtung bewegen. Das hat seinen Preis. „Kollegen sind wie eine Ersatzfamilie, jeder braucht sozialen Kontakt. Doch wird es immer wieder Sequenzen geben, in denen Arbeitnehmer zu Hause arbeiten.“

Führung auf Distanz – wie gelingt das?

„Virtuelles Führen will gelernt sein“, sagt Nürnberg. Auch deshalb ist ein Homeoffice-Führerschein notwendig. „80 Prozent der Führungskräfte sind wegen ihrer Fach- nicht aufgrund der Sozialkompetenz in ihrer Position.“ Auch deshalb gilt es, diesen Bereich weiter auszubauen und sich vor allem auf dezentrales Führen zu spezialisieren. Das kann auch über Webinare gelingen.

„Bleib gesund?“ Der Satz bleibt damit kein bloßer Wunsch, sondern wird zu einem unternehmerischen Ziel.

 

Sie möchten sich die komplette Präsentation von Prof. Dr. Volker Nürnberg ansehen?

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24.06.2020    Miriam Rönnau
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