29.04.2020    Charlotte Reuscher

Logistik

Internationaler Handel: Wie infiziert Corona den Im- und Export?

Geschlossene Grenzen, löchrige Lieferketten, Abnehmer in Insolvenzgefahr – die Corona-Krise stellt den Welthandel auf den Prüfstand. Gerade für den langjährigen Exportweltmeister Deutschland bringt das Einiges an Problemen mit sich. Wie Logistiker diese einschätzen und wie die Politik helfen kann, diskutierten

mit den Selbstständigen im DUB Video-Call. Dabei ging es um diese Fragen:

Wie hat sich die internationale Logistik seit Corona verändert?

Jochen Freese, beim in 56 Ländern vertretenen bedeutendsten mittelständischen Logistiker Hellmann Worldwide Logistics, erlebt derzeit eine Situation, die vor Corona in vielerlei Hinsicht undenkbar war: „Die Belastungen führen zu einem massiven Mangel an Kapazitäten. Dadurch, dass weltweit rund 83 Prozent der Passagiermaschinen am Boden bleiben, fehlen auf der Amerika-Route 50 bis 80 Prozent, auf den Asien-Routen bis zu 45 Prozent der bisherigen Frachtkapazitäten. In Passagiermaschinen werden üblicherweise Waren transportiert, die schnell ans Ziel müssen, etwa Verderbliches oder Medikamente. Auch die Seefracht bedient manche Regionen derzeit nicht mehr, und auf der Straße gibt es Probleme durch Ausfälle von Fahrern und Schwierigkeiten an den Grenzen. Zudem sind die Kosten teilweise explodiert: Durch die unterschiedlichen, sich ständig ändernden Einschränkungen in etlichen Ländern muss viel improvisiert werden, zugleich sind noch viele Waren unterwegs, die jetzt nicht angeliefert werden können und zwischengelagert werden müssen. Das kostet. Was mich allerdings wirklich beeindruckt hat, ist, dass es trotzdem in den allermeisten Fällen geschafft wurde, die wirklich wichtigen Dinge wie Lebensmittel oder Medikamente zu liefern.“

Wann wird es eine Beruhigung der Lage geben?

Diese Frage von vielen deutsche Unternehmern wird Swen Scholtyssek als Unternehmensberater derzeit täglich gestellt: „Die Unternehmen wünschen sich einen Fahrplan, mit dem sie kalkulieren können. Die ersten Lockerungen der Corona-Maßnahmen sind zwar gut angekommen, von der Politik wünscht sich die Unternehmerschaft jedoch noch etwas mehr positive Perspektive.“

Das sei zu verstehen, entgegnet Brigitte Zypries, „aber: Die Situation ist auch für die Politik schwierig. Nach dieser teilweisen Öffnung müssen wir erst einmal schauen, wie sich die Infektionszahlen verhalten – belastbare Aussagen können wir erst in 14 Tagen machen. Mein Rat ist daher, dass Unternehmer prüfen sollten, wie sie sich der jetzigen Situation anpassen können, ob es eventuell andere Geschäftsfelder gibt, auf denen sie sich betätigen können. Für Logistiker und auch für die Touristikbranche ist das allerdings zugegebenermaßen sehr schwer.“

Ich exportiere meine Waren in verschiedene Länder. Wo bekomme ich aktuelle Informationen über die jeweiligen Corona-Regulierungen?

Brigitte Zypries: „Dafür sind die Außenhandelskammern erster und besten Ansprechpartner. Deutsche Außenhandelskammern gibt es an 140 Standorten in 92 Ländern, sie haben einen exzellenten Überblick über die jeweiligen Regulierungen. Ebenfalls hilfreich ist eine Webinar-Reihe der Auslandshandelskammern, in der die aktuellen Regulierungen von der Schweiz über Schweden bis hin zum frankophonen Afrika erläutert werden. Schauen Sie da einmal rein. Wenn Sie überdies beim Export Unterstützung brauchen, wenden Sie sich am besten direkt ans Bundeswirtschaftsministerium und dort an die Abteilung für Außenhandel.

Mein Postfach ist derzeit voll mit teuren Angeboten für Gesichtsmasken. Gibt es da jetzt einen Boom in Asien?

„Ja“, sagt Jochen Freese. „Sehr viele Produzenten, zum Beispiel aus dem Fashion-Bereich, haben umgestellt auf Masken beziehungsweise medizinische Schutzkleidung, also Handschuhe, Kittel und Anzüge. Da ist auf die Schnelle eine Riesenindustrie entstanden, und natürlich versuchen auch manche, da große Geschäfte zu machen.“

Werden die globalisierten Lieferketten Bestand haben oder werden wir uns mehr auf regionales Wirtschaften einstellen müssen?

Die Schraube aus China, der Motor aus den USA, andere Einzelteile aus Brasilien – die globalisierten Lieferketten sind kleinteilig, komplex und, wie gerade zu sehen ist, störungsanfällig. „Das Thema Risikobewertung wird uns auf jeden Fall eine ganze Weile beschäftigen,“ sagt Jochen Freese. ”Das aktuelle Modell, überall in der Welt zu kaufen, wird womöglich angepasst.“

Ein Ende des globalen Handels sieht er aber genauso wenig wie Brigitte Zypries. Sie sagt: „Auch in der Politik wird derzeit geschaut, ob manche Produktionen nicht eher im lokalen Bereich stattfinden können und man sich in wichtigen Bereichen unabhängiger von anderen Ländern macht. Aber generell wird die globale Wirtschaft bleiben – etwas Anderes könnten wir uns als exportorientiertes Land auch gar nicht leisten.“

Wie reagieren Kreditversicherer auf die Probleme in der Logistik?

Ganz klar: Mit Vorsicht. Jochen Freese: „Kreditversicherer reagieren gerade recht schnell – bei Kreuzfahrtunternehmen zum Beispiel war sofort zu Beginn der Krise die Reduzierung da, obwohl es noch nicht einmal verlässliche Zahlen gab. Das ist für Unternehmen durchaus belastend.“

 

So blicken die Top-Experten in die Zukunft

  • Jochen Freese: „Corona und die Folgen werden uns noch eine ganze Zeit lang begleiten. Das heißt aber nicht, dass wir nicht exportieren können, wir brauchen nur mehr Planung und müssen Supply Chains neu denken. So sieht eine aktuelle Studie erst im September 2021 die Rückkehr von 90 Prozent der Passagierkapazitäten in der Luftfahrt. Andererseits: China hat sich bereits wieder stabilisiert, dort gibt es tatsächlich gerade Engpässe bei Transporten ins Land hinein. Das ist ungewöhnlich, weil China ja eher ein Exportland ist.“
  • Swen Scholtyssek: „Ich sehe für Deutschland einen Wettbewerbsvorteil allein durch die mehr als 50 Förderprogramme, die die Bund und Länder auf den Weg gebracht haben. Zum Vergleich: In Frankreich sind es ganze zehn.“
  • Brigitte Zypries: „Die ersten Lockerungen geben wieder mehr Luft zum Atmen und anderes Lebensgefühl. Aber: Wir müssen jetzt Masken tragen und Abstand halten, solange wir keinen Impfstoff haben, hilft nichts Anderes. Wenn wir das nicht tun, gefährden wir nicht nur unsere Gesundheit und die der anderen, sondern auch die deutsche Wirtschaft.“
29.04.2020    Charlotte Reuscher
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