Portrait von Jasmin Arbabian-Vogel
04.03.2021    Brigitte Zypries
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Diversity

Darum machen sich Frauen nicht selbstständig

Überkommene Einstellungen in der Gesellschaft, ein Mangel an Informationen und zu wenig Geld: Laut VdU-Präsidentin Jasmin Arbabian-Vogel sind das drei Dinge, die Frauen davon abhalten, sich selbstständig zu machen.

Alltagsschwierigkeiten von Menschen mit Mi­gra­tionshintergrund zu verstehen fällt Jasmin Arbabian-Vogel leicht. Schließlich wuchs sie im Iran auf, bevor sie im Alter von 18 Jahren für ihr Studium nach Deutschland umzog und sich in neue kulturelle Strukturen ­einfinden musste. Mittlerweile gehören ihr vier Unternehmen; da­runter der ­Interkulturelle Sozialdienst, bei dem die gesundheitliche Versorgung von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte im Fokus steht.

Zudem engagiert sie sich schon lange ehrenamtlich für ­Frauen in Führungspositionen und fungiert seit 2018 als Präsidentin des Verbands deutscher Unternehmerinnen (VdU). Mit Brigitte Zypries, Bundeswirtschaftsministerin a.D. und Herausgeberin des DUB UNTERNEHMER-Magazins, sprach Arbabian-Vogel über die Aufgaben ihres Verbands und damit auch über die Maßnahmen, die Deutschland auf lange Sicht zu mehr Unternehmerinnen verhelfen könnten.

Zur Person

Jasmin Arbabian-Vogel

hat Politologie und Sozialpsychologie an der Universität Hannover studiert. Im Anschluss gründete sie die Firma Interkultureller Sozialdienst. Seit 2018 ist Arbabian-Vogel Präsidentin des VdU

Sie betreiben vier Unternehmen von Hannover aus und sind gleichzeitig Präsidentin des VdU, dessen Hauptsitz in Berlin ist. Wie bewältigen Sie diese vielseitigen Aufgaben?

Jasmin Arbabian-Vogel: Das geht nur über ein sehr gutes Backoffice – und zwar in alle Richtungen. Ich hätte ohne meine Mitarbeiterinnen wohl auch die Gründung weiterer Unternehmen nicht stemmen können. Das sind Frauen, die mir sagten: „Wir haben Lust darauf, die Leitung dieser Läden zu übernehmen.“ Das Gleiche gilt auch für den VdU. Das Ehrenamt der Präsidentin ist sehr zeitintensiv. Wir haben aber in Berlin eine Geschäfts­stelle, die personell sehr gut ausgestattet ist und wo Frauen beschäftigt sind, die mit großer Leidenschaft ihrer Arbeit nachgehen.

Seit 65 Jahren wirbt der VdU mit weiblichen Vorbildern und zeigt, dass es etliche Frauen mit ­visionärem Unternehmergeist gibt. Wie wichtig ist es, ein öffentliches Bewusstsein für diese Thematik ­zu schaffen?

Arbabian-Vogel: Extrem wichtig. Davon bin ich felsenfest überzeugt. Es gibt etliche wissenschaftliche Studien, die zeigen, dass in Deutschland die Berufswahl sehr traditionellen Mustern folgt. Deshalb wählen Frauen oft Berufe oder Studiengänge, die nach den in der Gesellschaft immer noch vorherrschenden Einstellungen eher dem weiblichen Skillset entsprechen. Viele Männer folgen ebenso einem Schubladendenken. Sie schreiben sich beispielsweise häufiger für Studien­gänge wie Maschinenbau ein als Frauen. Diesen hingegen wird eine höhere Affinität für soziale Berufe nachgesagt. Gerade deshalb sind Vorbilder eminent wichtig, um aufzuzeigen, dass zahlreiche Alternativen bestehen und dass Genderrollen in Bildung und Beruf nichts weiter als ­soziale ­Konstrukte sind.

Den meisten Menschen wird nie erklärt, welche Verbraucher- und Zivilrechte sie haben geschweige denn, wie sie Verträge ­abschließen sollten. Müssten nicht bereits in der Schule unternehmerische Impulse in Form von ökonomischen Grundkompetenzen vermittelt werden?

Arbabian-Vogel: Absolut. Das ist auch Teil der DNA des VdU. Zu ihm gehört etwa die Käte Ahlmann Stiftung. Käte Ahlmann war Gründerin des VdU. Die Stiftung bietet viele Mentoringprogramme, in denen Unternehmerinnen junge Frauen unterstützen. Wir sind auch an Schulen präsent und informieren Jugendliche. Es reicht aber nicht aus, mit Schülern einmal im Jahr im Rahmen einer Projektwoche über die Möglichkeiten im Unternehmertum zu sprechen. Das muss substanzieller erfolgen. Je besser allerdings die Situation am Arbeitsmarkt ist, desto rückläufiger sind die Gründungszahlen. Das ist fatal. Zudem haben viele Selbstständige in Deutschland das Gefühl, sie ­müssten sich für ihren Unternehmergeist rechtfertigen. Das finde ich sehr schade. In vielen anderen Ländern ist das nicht der Fall. Das zeigt mir, dass wir hierzulande in einer Gesellschaft leben, die stark von Arbeitnehmerkultur geprägt ist.

Sie haben auch ein Investorinnen-Netzwerk gegründet, in dem Frauen in Unternehmen von anderen Frauen investieren. Was war Ihre Motivation, dieses Netzwerk zu initiieren?

Arbabian-Vogel: Gründerinnen haben weiterhin vielfach große Schwierigkeiten, an Kapital zu kommen. Das liegt vor allem daran, dass die Entscheidungsträger – Investoren und Kreditgeber – meist Männer sind. Sie fördern eher ­Geschäftsfelder, mit denen sie sich auskennen beziehungsweise die ihnen näherliegen. ­Diese Problematik können wir nur lösen, wenn wir auf der Seite der Kapitalgeber stehen. Eine weitere Motivation ist das Thema externe Unternehmensnachfolge, die für Frauen zunehmend interessanter wird. Bei diesen Vorhaben wollen wir ­Unternehmerinnen noch mehr unterstützen.

Wie kann der VdU konkret helfen, und warum machen Frauennetzwerke weiterhin Sinn?

Arbabian-Vogel: Die größte Hürde sind die fehlenden Kenntnisse darüber, wie Unternehmen gegründet werden. Da ist der Verband die perfekte Anlaufstelle. Wir bieten umfangreiche Informationen und stehen Gründerinnen zur Seite. Auch wenn es um die Frage der Finanzierung geht, sehen wir uns als Ansprechpartner. Gemeinsam können dann Lösungen gefunden werden. Und: Braucht man heutzutage wirklich noch Frauennetzwerke? Die Antwort ist ein eindeutiges Ja. Ich erlebe bei Messen oder Veranstaltungen von Indus­trie- und Handelskammern, dass weiterhin deutlich mehr Männer vertreten sind und Frauen teilweise in die Ecke gestellt werden. Das muss sich endlich ändern. Ich bin nicht 1986 aus dem Iran hierhergekommen, um im Deutschland des Jahres 2021 immer noch am Frauentisch zu sitzen!

04.03.2021    Brigitte Zypries
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