14.12.2020    Manuel Kunst

Start-ups

Das Corona-Jahr 2020: Fazit der Gründerszene

Durch Covid-19 musste die Geschäftswelt schlagartig umdenken. Start-ups sollten dabei durch ihren stärkeren Fokus auf digitale Geschäftsmodelle von vornherein besser als die Old Economy aufgestellt sein. So weit die Theorie. Doch auch die Digital Natives haben mit der Krise zu kämpfen.

Der vielfach prophezeite Start-up-Kollaps trat bislang nicht ein. Trotzdem stehen junge Gründer vor immensen Herausforderungen. Die größten sind Neukundengewinnung, Kapitalbeschaffung und ein konstanter Cashflow. Das ergab eine Befragung des Bundesverbands Deutsche Startups e.V. Diese drei Aspekte waren bereits in den vorigen Jahren maßgebend, seien aber durch Corona deutlich wichtiger geworden.

Laut einer Analyse des Informationsdienstes startupdetector wurde 2020 sogar häufiger gegründet als im Vorjahr. Die beliebtesten Branchen sind weiterhin Software und Medizin. Einen signifikanten Zuwachs gab es jedoch im Bereich E-Commerce und Lebensmittel, bei der sich die Anzahl der Gründungen fast verdoppelt haben.

Nichtsdestotrotz gaben IT- und Internet-Startups in einer Datev-Studie an, um die Existenz zu bangen. So hat sich bei 68 Prozent der befragten Start-ups die Situation verschlechtert, bei 47 Prozent bedroht die Corona-Krise die Existenz und 43 Prozent mussten einen deutlichen Umsatzrückgang verbuchen (Mehrfachnennungen waren möglich). Probleme, mit denen auch die Teilnehmer am DUB Digital Business Talk zur Situation der Gründerszene konfrontiert wurden. Jetzt, knapp ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie, ziehen sie ein Zwischenfazit.

Am DUB Digital Business Talk nahmen teil:

  • Victoria Dietrich, Founder, Emmora
  • Sebastian Rieder, Co-Founder & CEO, BETAFASHION
  • Dr. Hans-Christian Stockfisch, Gründer und CEO, Flexvelop
  • Dr. med. Sophie Chung, Managing Director, Qunomedical
  • Pauline Koehler, Co-Founder, Weddyplace

Moderation: Thomas Eilrich, Chefredakteur DUB UNTERNEHMER-Magazin

Alles anders und trotzdem gleich

Flüge gestrichen, Lieferketten unterbrochen und ganze Branchen im Lockdown: Geschäftsmodelle müssen teils komplett neu gedacht werden. Davon kann auch Dr. Hans-Christian Stockfisch berichten, Gründer und CEO von Flexvelop. Das FinTech ermöglicht die schnelle Finanzierung von Kleingeräten. Ein Großteil der Kunden kommt aus der Gastronomie. „Da hat uns Corona natürlich ordentlich reingegrätscht. Wegen der ungewissen Lage haben nur wenige Gastronomen neu investiert“, sagt Stockfisch. „Wir mussten daher auch andere Märkte erschließen.“

Das Unternehmen konzentriert sich nun auf IT-Angebote. Ein Markt, der durch die zunehmende Arbeit aus dem Homeoffice floriert. Die Gastronomie hält Flexvelop jedoch weiter die Stange. Stockfisch: „Unsere Bestandskunden haben weiterhin gezahlt, obwohl sie ihre Geschäfte teilweise schließen mussten. Das ist nicht selbstverständlich und dafür sind wir sehr dankbar. Ohne die Loyalität unserer Gastronomen hätten wir deutlich mehr Probleme gehabt.“ Deshalb schaut Stockfisch auch positiv in die Zukunft: „Wenn die Krise 2021 hoffentlich ein Ende nimmt und Normalität einkehrt, sehen wir uns in einer guten Position, die Gastronomie wieder mit aufzubauen.“

Welche geschäftlichen Auswirkungen Reiseverbote haben können, zeigt Qunomedical. Die digitale Gesundheitsplattform ermöglicht Patienten den weltweiten Zugang zu erschwinglichen Behandlungen mit kurzen Wartezeiten bei Spitzenmedizinern. Teil des Angebots ist daher der Medizintourismus.

„Ungewissheit existierte zwischen April und Mai“, sagt Sophie Chung, Gründerin und  CEO von Qunomedical. „In dieser Zeit gab es für einige Länder ein striktes Ein- und Ausreiseverbot.“ Als Konsequenz setzte das Unternehmen einen Teil der Belegschaft auf Kurzarbeit und fuhr die Marketingausgaben zurück. Nach den Reiseverboten zeigte sich jedoch schnell, dass die Kunden weiterhin für Behandlungen ins Ausland reisen wollen. Schließlich werden Menschen auch jetzt krank und wollen trotz Corona bestmöglich behandelt werden. „Rückblickend gesehen sind wir bislang sehr gut durch die Krise gekommen. Nachdem wir uns ab Juni wieder voll in den Markt getraut haben, konnten wir ein deutliches Wachstum verbuchen“, so Chung.

Rasche Hilfe durch den Staat

Eines steht fest: Ohne staatliche Hilfe hätten viele Jung-Unternehmer die Krise nicht überstanden. So auch bei Pauline Koehler, Co-Gründerin von Weddyplace. Der digitale Hochzeitsplaner unterstützt Brautpaare mit zahlreichen Informationen, Tools wie einer interaktiven Checkliste und Budgetrechner, sowie der Vermittlung von Hochzeits-Profis vom Hotelier bis zum Fotografen. Rund 90 Prozent aller Hochzeiten seien 2020 verschoben worden. Koehler: „Wir mussten sehr schnell die Handbremse anziehen, was das Marketing angeht. Wir haben geplante Projekte erstmal aufgeschoben, um möglichst gut durch die Krise zu kommen.“

Vor allem die schnelle Reaktion der Politik sei wichtig gewesen. „Wir haben das Angebot der Kurzarbeit angenommen. Das war für uns sehr wichtig, weil wir so unser ganzes Team halten konnten. Das wäre anders kaum möglich gewesen“, sagt Koehler. Die guten Sommermonate zeigten jedoch, dass die Menschen weiterhin großes Interesse an Hochzeiten und anderen Feiern haben.

„Unser Unternehmen wurde 2019 gegründet und ging 2020 an den Markt“, sagt Viktoria Dietrich. Sie ist Co-Gründerin von Emmora, einem digitalen Begleiter zum Thema Lebensende, der sämtliche Dienstleistungen und Informationen zu Bestattung, Bestattungsvorsorge und Trauerbewältigung bündelt. „Wir waren in einer sehr wachstumsstarken Phase und hatten genug Kapital, um unsere Mitarbeiter regulär bezahlen zu können“, so Dietrich. Emmora musste keine Kurzarbeit anmelden. Das Netzwerken funktionierte während der Krise sogar sehr gut, weil alle Ansprechpartner primär online zu erreichen waren und selbst nach neuen Businesspartnern suchten.

Dietrich: „Da wir uns gerade im Aufbau befanden, hatten wir den Vorteil, dass noch keine riesigen Investitionen getätigt waren und wir so die schweren Monate März und April gut auffangen konnten.“ Von dem Corona-Maßnahmenpaket für Start-ups habe Emmora noch nicht profitiert. Dietrich war jedoch von der zeitnahen Unterstützung durch den Staat begeistert.

Beharrlich weitermachen

Einig sind sich die Teilnehmer des DUB Digital Business Talk dahingehend, dass der Digitalisierungsschub und die veränderte Arbeitswelt auch nach der Krise Bestand haben müssen. So sagt Sebastian Rieder, Co-Gründer und CEO von BETAFASHION: „Nicht nur für Start-ups, sondern für die ganze Gesellschaft wünsche ich mir, dass wir nicht in alte Muster zurückfallen.“ Sein Unternehmen entwickelte eine Software, die für Modefirmen das Verwalten von Lagerbeständen vereinfacht und dadurch deren Überbestände reduziert. Nachhaltigkeit war für Rieder schon vor Corona ein großes Thema: „Wir sollten weiterhin den Willen haben, Dinge zu verändern.“ Zusätzlich sollte jetzt mehr Geld in die Digitalisierung gesteckt werden – allein schon um zukünftige Unternehmen besser auf Krisensituationen vorzubereiten.

14.12.2020    Manuel Kunst
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