23.12.2020    Thomas Eilrich
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Nachhaltigkeit

4 Szenarien: So wird die Welt 2050 aussehen

Die Welt steht an der Schwelle zu einer Nachhaltigkeitsrevolution – zumindest in den meisten Zukunftsprojektionen. Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft sagen, was uns erwartet und wie sich Unternehmen in vier von der Unternehmensberatung Roland Berger skizzierten Zukunftsszenarien positionieren sollten.

Nachhaltigkeit prägt den Wandel der Welt – und wird ihn auch in Zukunft prägen. Das ist der Ausgangspunkt der aktuellen Studie „Sustainarama – wie Nachhaltigkeit die Welt im Jahr 2050 verändert haben wird“, erstellt von der Unternehmensberatung Roland Berger. Dabei begreifen die Studienmacher Nachhaltigkeit nicht nur als umweltbewusstes Agieren, sondern auch als Handeln nach sozialen Maßstäben und solchen der guten Unternehmensführung.

Dass die Welt an einem Scheideweg steht, dürfte unumstritten sein. Alle (Fort-)Schritte in Richtung Nachhaltigkeit, die Bürger, Regierungen und Unternehmen heute machen, werden künftige Generationen stark beeinflussen. Wird jetzt also die Basis für eine echte Nachhaltigkeitsrevolution gelegt oder werden die unabsehbaren Risiken der Untätigkeit in Kauf genommen?

Am DUB Digital Business Talk nahmen teil:

Moderation: Thomas Eilrich, Chefredakteur, DUB UNTERNEHMER-Magazin

Für die Welt in 30 Jahren haben die Sustainability-Experten von Roland Berger in ihrer Untersuchung vier bewusst provokante Szenarien entworfen. Diese und deren Auswirkungen auf Unternehmen hat die Redaktion gemeinsam mit Christian Böhler, Partner bei Roland Berger und einer der Studienmacher, dem Wissenschaftler Professor Günther Friedl von der Technischen Universität München (TUM) und dem Vorstand des Energieanbieters Naturstrom Dr. Tim Meyer im DUB Digital Business Talk diskutiert.

Szenario 1: Geplante neue Welt

Im ersten Roland-Berger-Szenario „Geplante neue Welt“ ist ein nachhaltiges Handeln im Jahr 2050 gesetzlich vorgeschrieben. Die Klimakatastrophe ist abgewendet, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius begrenzt und die globale Armut reduziert. Der Preis dafür: „Wir leben in Bezug auf die Nachhaltigkeit in einer Art Staatskommunismus“, so Böhler. Er prognostiziert, dass entsprechende Gesetze dann jeden Aspekt unseres Lebens regulieren. Die Standards seien enorm hoch – das gelte auch für Quoten beispielsweise in Sachen Diversity, – und Greenwashing würde, wo es aufgedeckt wird, hart bestraft.
Papercut zeigt Weltkugel und erneuerbare Energien

Auf der anderen Seite koste die Überwachung der Einhaltung dieser Regeln viel Zeit, Geld und Ressourcen. Dies und der geringe Freiraum geht den Studienautoren zufolge zu Lasten von Innovationskraft und Wettbewerb. „Das führt dann auch dazu, dass Unternehmen in gleichen Branchen mehr oder weniger gleichgeschaltet sind.“

Szenario 2: Wettrennen um Nachhaltigkeit

Die wünschenswerteste Zukunft liegt nach Auffassung Böhlers im „Wettrennen um Nachhaltigkeit“. In diesem zweiten Szenario agieren Unternehmen angetrieben von den Konsumenten als verantwortungsvolle Akteure in der Gesellschaft und wetteifern um innovative Lösungen, die eine grüne Transformation der Wirtschaft vorantreiben. „Die besten Ideen werden gefördert und der Beste gewinnt – ganz klassisch so, wie wir es unter dem Wettbewerbs-Gedanken erwarten würden.“

Doch dieses „positivste der vier Szenarien“ würde laut Böhler aller Voraussicht nach nicht von allein eintreten: „Unglücklicherweise wird das vermutlich nur dann eintreten, wenn die Welt in den nächsten Jahren nahe an den Abgrund rückt.“ Sprich: Anhaltende Dürren oder andere Umweltkatastrophen müssten die Menschheit erst einmal wachrütteln – um den hohen Preis von irreparablen Schäden, die sie hinterlassen haben.

Szenario 3: Der kleinste gemeinsame Nenner

Dem dritten Szenario liegt eine Art Minimalkonsens als Masterplan zugrunde – der kleinste gemeinsame Nenner, so Böhler. Dies wäre dann der Fall, wenn Staaten zwar regulierend eingreifen würden, sich aber nicht so richtig auf konsequentes Handeln einigen könnten.

„Es gibt dann auf dem Papier gewisse Regularien. Aber die Realität zeigt, dass Schlupflöcher weiter existieren – beispielsweise Steueroasen. In diesem nicht gerade wünschenswerten Szenario wird auch Greenwashing zumindest toleriert, die Regulatorik ist auf ein Minimum heruntergefahren.“ Menschenrechte würden per se natürlich gelten, aber auch hier würden Minimal-Standards angelegt – und deren Umgehung würde nicht konsequent geahndet.

Szenario 4: Jeder ist auf sich allein gestellt

Im vierten und nicht nur für Böhler unliebsamsten aller Szenarien agiert jeder für sich. In dieser Schreckensvision wären dann weite Teile der Welt durch Wüstenbildung nicht mehr bewohnbar, es gäbe mehr als eine Milliarde Klimaflüchtlinge, die Ozeane wären überfischt und Nahrungsmittel knapp. Unternehmen spendeten zwar immer noch, aber nur für „Brot und Spiele“. Die Umwelt- oder auch soziale und Corporate-Governance-Gesetzgebung sei ausgehöhlt; der Staat habe die Kontrolle mehr oder minder verloren.

In diesem Szenario wären extreme Armut und Abschottung omnipräsent. Industrienationen, die es sich leisten können, würden die Grenzen schließen; das soziale Ungleichgewicht auf der Welt würde beständig wachsen. Hinzu kämen prekäre Arbeitsbedingungen und möglicherweise ein Frauenbild wie in den 1950er-Jahren. Alles in allem also ein Zukunftsszenario, in dem die Uhr in Teilen zurückgedreht scheint.

Für welches Szenario entscheiden wir uns?

Befragt nach seiner persönlichen Einschätzung hält Böhler es für möglich, dass die Zukunft einen Mix aus den Szenarien 1 und 2 bringt. „Das heißt, dass Staaten und Institutionen den Rahmen und die Wettbewerbsbedingungen erst einmal vorgeben müssen, damit auch wirtschaftliches Handeln möglich ist. Und wenn wir uns dann nach einem kurzen Zeitraum in das Race-for-Sustainbility-Szenario hineinbewegen, haben wir das Beste geschafft.“

Papercut zeigt Fahrrad unterm BaumNaturstrom ist ein Öko-Energie-Anbieter der ersten Stunde. Der Mittelständler arbeitet heute „im Szenario 2“, wie Vorstand Tim Meyer sagt. Er bezeichnet sich grundsätzlich als Optimist, sieht aber eine zentrale Herausforderung: „Die Zeit, die uns bleibt, ist ziemlich knapp, um tatsächlich einen tiefgreifenden Wandel im Wirtschaftssystem und der Gesellschaft hervorzurufen. In unserem Nachhaltigkeitsbereich Energie und Klima haben wir einen Kipppunkt – und wenn es zu spät ist, ist es zu spät. Wir reden immer über Zeithorizonte von vielen Jahrzehnten, aber eigentlich haben wir nur noch zehn bis 15 Jahre Zeit, um zu reagieren. Und deshalb glaube ich, dass die Richtung stimmt, es aber viel zu langsam geht. Wir befinden uns heute in einem Schneckenrennen um die Nachhaltigkeit.“ Ein Minimalkonsens, so Meyer, würde uns „ ziemlich sicher in die Katastrophe führen“.

Daher glaubt auch er, dass der richtige Weg über die Regulatorik führen muss – wenngleich er dies nicht als einen Ruf nach mehr Staat verstanden wissen will. Ihm geht es um „sehr kluge, aber auch sehr klare Rahmenbedingungen für die Wirtschaft.“ Das sorge dann für „Investitionssicherheit, wenn man in Richtung Nachhaltigkeit losprescht“. Es dürfe nicht nur Platz für die Early Adopters geben. Chancengleichheit sei wichtig, so Meyer. Der Markt und die Nachfrage könnten das noch nicht lösen. „Es gilt, durch einen durchdachten Rahmen und Förderung sehr schnell einen bestimmten Punkt zu überschreiten, sodass eine Industrie aus eigener Motivation, aus Kostensenkungsaspekten, aber auch aus Gründen der Kundennachfrage heraus eine echte Dynamik entfacht.“

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Junge Generation sorgt für Optimismus

Professor Gunther Friedl ist Inhaber des Lehrstuhls für Controlling und Dekan an der der Wirtschaftsfakultät der TUM. Er beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit der Nachhaltigkeits-Thematik. Und er beobachtet, dass sich „viele Studierende tatsächlich intensiv mit solchen Themen auseinandersetzen wollen“.

Aus diesem Grund ist er auch „ziemlich optimistisch, dass wir am Ende beim Race for Sustainability landen“ – bei Szenario 2 also. Die junge Generation, die jetzt in die Universitäten hineinstrebt, gebe zu der Hoffnung Anlass, dass der Wandel letztendlich tatsächlich aus der Gesellschaft heraus getragen werde und dass sich Unternehmen darauf einstellten. Von wissenschaftlicher Seite kann er das nur unterstützen. „Die Datenlage zeigt inzwischen eindeutig: Es ist etwas sehr Gutes, sich mit Nachhaltigkeitsthemen zu beschäftigen – auch für die finanzielle Performance von Firmen.“

Nachhaltigkeitsszenarien bieten Chancen für Unternehmen

„Viele Parteien treiben den Nachhaltigkeitsdiskurs an: Investoren, Regulatoren und die Gesellschaft. Insbesondere die neue Generation von Arbeitnehmern, die Generation Z,  ist sehr engagiert in Sachen Nachhaltigkeit“, bestätigt auch Böhler. Und sie erwartet von ihrem künftigen Arbeitgeber ein Agieren nach entsprechenden Kriterien.

Der Appell aus der Studie an Unternehmen ist daher eindeutig: „Wenn Sie das Thema Nachhaltigkeit in Ihrer Unternehmensstrategie nicht berücksichtigen, riskieren Sie einen Imageschaden, Probleme in der Lieferkette und negative Auswirkungen auf die Umwelt. Entscheiden Sie sich dafür, die Frage der Nachhaltigkeit direkt anzugehen, und Sie können große Vorteile daraus ziehen.“

Und es gilt zudem, die wirtschaftlichen Chancen zu nutzen. „Unternehmen können zum Beispiel ihre Energieeffizienz steigern, ihre Recyclingquote erhöhen und ihr Geschäftsmodell überdenken, wodurch sie möglicherweise neue Marktpotenziale entdecken“, heißt es in der Studie. Es gelte die Opportunitäten im aktuellen Zeitfenster auszunutzen, Potenziale zu erschließen und neue Kundengruppen zu erreichen.

Doch nicht nur wirtschaftliche Motive entscheiden. „Auch die Risikominimierung ist seit einiger Zeit natürlich ein Thema“, so Böhler. Auslöser seien Bewegungen wie Fridays for Future, die den Finger in die Wunde legen, aber auch etwaige Shitstorms, die sich in sozialen Medien über Unternehmen ergießen, bei denen Nachhaltigkeitsprobleme festgestellt wurden. Der wichtigste Antrieb ist aus Sicht von Böhler aber ein anderer: „Am Ende sind Unternehmenslenker Menschen. Menschen, die etwas Gutes für ihr Umfeld, für ihre Kinder, nachfolgende Generationen tun und den Planeten erhalten wollen.“

Der Rat der Unternehmensberater von Roland Berger lautet: „Seien Sie mutig. Nehmen Sie eine klare Haltung zur Nachhaltigkeit ein. Die Zeit zum Handeln ist jetzt – und die Chance, ein ‚besseres Normal‘ zu gestalten, war noch nie so groß.“

So können Unternehmen schon heute nachhaltig agieren

Papercut zeigt EnergiequellenWas aber können Unternehmen ganz konkret für eine nachhaltige Zukunft tun? Die Studie zeigt eine Vielzahl von Möglichkeiten auf: vom Erreichen der CO2-Neutralität über die Nutzung von regenerativen Energiequellen, die Verbesserung von Arbeitsbedingungen innerhalb der Lieferketten, das Sicherstellen der Geschlechtervielfalt in den Organisationen bis hin zur Kopplung von CEO-Vergütung und Mitarbeiterboni an die Nachhaltigkeitsleistung.

Die Beratung Roland Berger rät Firmen, „ein effektives Radar zu entwickeln, um diese Möglichkeiten frühzeitig zu erkennen“. Dazu gehöre allerdings ein „realistisches Ambitionsniveau“ für jedes der Handlungsfelder – im Rahmen einer übergeordneten Nachhaltigkeitsstrategie. Von Greenwashing, so die Empfehlung der Studienautoren, dürfe keine Spur sein; den Worten müssten Taten folgen. „Wir sind überzeugt, dass Unternehmen, die das Thema Nachhaltigkeit nicht in ihrer Strategie berücksichtigen, mit dem Feuer spielen.“

Für die Auseinandersetzung des Mittelstands mit diesen Themen ist Friedl optimistisch: „Fakt ist doch, dass viele Mittelständler sich tatsächlich Gedanken über Nachhaltigkeit machen. Sie sind oftmals fest in ihrer Region verankert und übernehmen entsprechend Verantwortung, die weit über die eigene Gewinnmaximierung hinausgeht. Und das wiederum schlägt sich schlussendlich wieder im Unternehmenserfolg nieder.“

Corona als langfristiger Antrieb?

Aktuell spielen für den Professor aber auch noch weitere Faktoren eine Rolle: „Wir werden noch ein paar Nebengeräusche haben, bis die Generation, die intrinsisch motiviert ist, in der Breite in die Entscheidungsgremien eingerückt ist. Die Coronapandemie aber hat das Thema auf wundersame Weise an die Oberfläche gebracht, die Menschen also dazu bewegt, darüber nachzudenken. Ich bin gespannt, wo wir in zwölf oder 24 Monaten stehen. Ob der Sog der Gesellschaft dann noch da ist?“

Meyer will die Pandemie auch als Lehre verstanden wissen. „Wir müssen uns klarmachen, dass – wenn wir nicht rechtzeitig ins Handeln kommen – die Corona-Situation nur das kleine Vorspiel zu den krassen Auswirkungen ist, die unsere Wirtschaft weltweit erfahren wird, wenn wir den Klimawandel in aller Härte zu spüren bekommen.“

Nachhaltigkeit braucht Dynamik

Purpose ist laut Meyer ein entscheidender Faktor für mehr Dynamik im Thema Nachhaltigkeit. „Es liegt unheimlich viel Kraft in der Überzeugung eines Unternehmens, wie es sich seinen Kunden gegenüber darstellt. Ein Unternehmen, das selbst nachhaltig arbeitet, kommt immer bei den Kunden an.“

Friedl knüpft gar seinen Blick auf die Zukunft daran: „Nachhaltigkeit als Daseinszweck ist ein Thema, über dass sich mehr und mehr Unternehmen Gedanken machen. Warum gibt es das Unternehmen überhaupt? Welchen Beitrag will es leisten, um letztendlich auf dieser Welt einen kleinen positiven Fußabdruck zu hinterlassen? Dies wird uns helfen, im Jahr 2050 in einer besseren Welt zu leben. In einer, die sicher nicht frei ist von Problemen – das wird sie nie sein. Aber in einer Welt, in der wir viele Themen, die wir heute noch als unlösbar erachten, mit Sicherheit schon adressiert haben. Und das Thema Klimawandel steht meines Erachtens dann tatsächlich nicht mehr auf der Tagesordnung.“

Auch Roland-Berger-Experte Böhler sieht die Entwicklung in Sachen Nachhaltigkeit mit Blick auf die kommenden 30 Jahre auf einem guten Weg. Eine Warnung allerdings gibt er uns ebenso mit auf den Weg: „Wir werden 2050 noch einige Aufräumarbeiten zu erledigen haben – aufgrund der Dinge, die wir die letzten Jahrzehnte versäumt haben und die nächsten Jahre sicherlich auch noch versanden werden.“

23.12.2020    Thomas Eilrich
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