06.10.2020

Gastbeitrag von Tom Wehmeier, Atomico

Werte machen Wirtschaft

Achtung, die Eine-Million-Euro-Frage: Was macht „missionsgetriebenes Unternehmertum“ oder „unternehmerische Werte“, die Trendthemen des Jahres 2020, eigentlich aus? Was ist tatsächlich gesellschaftlich und ökologisch nachhaltig – und wo beginnt pseudo-nachhaltiger Marketingduktus?

Kurzgefasst: Wertegetriebene Unternehmen stellen die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG) der Vereinten Nationen in ihren Mittelpunkt. Die Erfüllung eines oder mehrerer dieser SDGs ist die Daseinsberechtigung ihres Produktes, der Kern ihrer Unternehmensphilosophie. Sie vereinen die Lösung der größten gesellschaftlichen Probleme mit wirtschaftlichem Erfolg.

Gerade in Deutschland gibt es dafür einige Beispiele. Etwa das Einhorn Lilium, also ein Unternehmen mit einer Bewertung in Milliardenhöhe. Mit elektrischen Flugtaxen – inklusive vertikalem Start und vertikaler Landung – reduziert es den Straßenverkehr und die resultierende Luftverschmutzung in den Innenstädten. Oder das Berliner Start-up Infarm. Dieses arbeitet an der nachhaltigen Nahrungsmittelproduktion für Großstädte – und minimiert durch die Vor-Ort-Produktion gleichzeitig Emissionen durch Transport und Verpackungsmüll. Nun ist das Start- up auf bestem Wege, eines der größten nachhaltigen Nahrungsmittelunternehmen weltweit zu werden.

Gemäß der Studie The State of European Tech erhielten inzwischen über 500 solcher wertegetriebener Unternehmen Unterstützung durch Wagniskapitalgeber. Allein 2019 sammelten sie 4,4 Milliarden US-Dollar an Wagniskapital ein. Insgesamt steigerten die Gründer ihr Risikokapital in den vergangenen fünf Jahren um das Sechsfache. Damit sind „missionsgetriebene” Tech-Unternehmen die drittgrößten Empfänger von VC-Geldern in Europa. Missionsgetriebenes Unternehmertum ist keine Fußnote mehr, kein Marketingclaim.

Auch in diesem Jahr beleuchtet der Report die Entwicklung des europäischen Tech-Ökosystems und die Rolle missionsgetriebener Start-ups und Gründer. Die Umfrage zum „State of European Tech“ läuft jetzt.

Europa findet seinen Wettbewerbsvorteil 

„Some say, China has all the data and the US have all the money. But in Europe, we have purpose“, betonte Margrethe Vestager, EU-Kommissarin für Wettbewerb, letztes Jahr. Doch um dies endlich zu einem kontinentalen USP zu machen, muss Europa Kapital einsetzen und Datensätze aufbauen. Der „State of European Tech“ zeigt: Europa macht in diesen Bereichen Fortschritte.

Darüber hinaus hat Covid-19 den Wert von Unternehmen, die sich gesellschaftlichen Herausforderungen wie dem Gesundheitswesen widmen, weiter gesteigert. Zusätzlich verstärkt die Pandemie wahrscheinlich auch den Prioritätenwandel von Tech-Talenten. Unternehmen mit Lösungen für akute gesellschaftliche Fragen werden für sie als Arbeitgeber wahrscheinlich immer attraktiver. Durch den Ruck innerhalb unserer Gemeinschaft, einem breiten Pool an missionsgetriebenen Tech-Talenten und staatlicher wie wirtschaftlicher Unterstützung befinden sich Europas wertegetriebene Unternehmen im Aufschwung.

Zur Person

Tom Wehmeier

ist Partner und Head of Research beim Wagniskapitalgeber Atomico sowie Autor der jährlichen Studie „State of European Tech“

06.10.2020
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