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29.04.2020    Charlotte Reuscher

Corona-Soforthilfen

Liquidität sichern: Wo stehen Selbstständige heute?

Die erste Panikwelle der Corona-Krise ebbt langsam ab – finanzielle Soforthilfen von Bund und Ländern, Überbrückungskredite der KfW sind beantragt und in vielen Fällen bereits ausgezahlt. Nun richtet sich der Blick in Richtung Zukunft. Wann mit positiven Signalen aus der Wirtschaft gerechnet werden kann, wie Unternehmer die Krise produktiv nutzen können und nicht zuletzt: wie die Liquidität auch längerfristig gesichert werden kann – dies waren die Themen im DUB Business Talk, über die

mit Unternehmern diskutierten.

Viele Selbstständige erwarten für 2020 einen rücktragsfähigen Verlust. Sie können jetzt eine Herabsetzung der festgesetzten Vorauszahlungen für 2019 beantragen. Mehr Informationen dazu finden sich im Schreiben des Bundesfinanzministeriums.

Wann werden die Hilfsprogramme für Wachstum sorgen? Kann ich schon auf einen besseren Mai hoffen?

4,4 Billionen von der EU, Hunderte Milliarden von Bund und Ländern – die Finanzspritzen, die zumindest die Wirtschaft von Corona genesen lassen sollen, können sich sehen lassen. Doch wann werden sie auch zu spüren sein? Ob es im Mai schon wieder bergauf gehen kann, wagt Marcel Loko noch nicht zu glauben: „Ich denke, dass wir Mai und Juni vergessen können, wir haben bereits 15 Prozent weniger Umsatz eingeplant. Ich hoffe auf das dritte und vierte Quartal. Dann sollte sich die Liquidität, die in den Markt gepumpt wurde, ebenso bemerkbar machen wie die geplanten Konjunkturprogramme.“

Dirk Hilmerring: „Schnell wird es nicht gehen, trotzdem blicke ich verhalten positiv in die Zukunft. Man muss bedenken: Wir kommen vom Höhepunkt eines recht langen Aufschwungs. Durch Corona geht der Abschwung nun deutlich schneller. Das bedeutet aber auch, dass es bis zum nächsten Aufschwung nicht mehr so lange dauern dürfte.“

Thomas Kempe beobachtet dagegen bereits jetzt, dass die Geschäfte im Leasingbereich zurückkommen: „Wir haben von Autozulieferern gehört, dass sie von den Autobauern gebeten wurden, ihren Betrieb weiter laufen zu lassen, die Lieferketten aufrecht zu erhalten. Größere Investitionen sind oft nur aufgeschoben, aber nicht aufgehoben worden. Was in dieser Krise gegenüber der Finanzkrise von 2008/09 ein großer Vorteil ist: Die Banken sind nicht gefährdet, es gibt Kredite und damit auch Liquidität.“

Ich habe eigentlich genug Eigenkapital. Lohnt es sich jetzt trotzdem, einen Kredit aufzunehmen?

Auf diese Frage hat Dirk Hilmerring eine klare Antwort: „Nur, wenn Sie jetzt besondere Investitionen tätigen wollen, die später zu höheren Umsätzen führen. Ein Kredit ist immer eine Verpflichtung, die unter ungünstigen Bedingungen zur Belastung werden kann. Einen Kredit nur aufzunehmen, weil er gerade günstig ist, halte ich daher für keine gute Idee.“

Wird die öffentliche Hand zukünftig weniger Geld für Infrastrukturprojekte haben – was wiederum Auftragsausfälle für Unternehmen bedeutet?

Bund und Länder nehmen derzeit Milliarden in die Hand, um die Wirtschaft zu unterstützen – für so manche Kommune kann das teuer werden. „Die Krisenbewältigung wird sicher einige Zeit dauern“, sagt Dirk Hilmerring. „Das genaue Ausmaß der Belastungen, die auf die Kommunen zukommt, voraussagen zu wollen, wäre aber ein Blick in die Glaskugel.“

Unternehmen, die in hohem Maße abhängig von kommunalen Aufträgen sind, sollten sich aber sicherheitshalber auch zukünftig auf schwierigere Zeiten einstellen. Thomas Kempe hat dazu noch einen Fernseh-Tipp: In einem ZDF-Corona-Extra vom 22. April widmeten sich die Autoren der Situation der Kommunen.

Wie können sich Unternehmer jenseits von Zuschüssen und Krediten Liquidität beschaffen?

„Wir beschäftigen uns im Moment viel mit der, wie wir es nennen, Phase zwei der Krise“, sagt Thomas Kempe, „Nach einer ersten Phase, in der es vielfach um Stundungen laufender Kredite sowie Zuschüsse und Förderungen ging, stellt sich jetzt die Frage, wie Unternehmer bereits finanzierte Assets nutzen können, um Verluste auszugleichen. Das bedeutet nicht gleich, dass das Tafelsilber verkauft werden muss, aber es kann zur Liquiditätsbeschaffung durchaus sinnvoll sein, über „Sell-and-lease-back“-Modelle nachzudenken. Das bedeutet: Zum Beispiel Gebäude oder Maschinen zu verkaufen und zurück zu mieten – mit der Option, diese in besseren Zeiten wieder von der Leasinggesellschaft zurück zu kaufen.“

Manche sehen in der Krise auch Chancen – welche eigentlich?

Not macht erfinderisch – Krisen befeuern Kreativität. So berichtet Dirk Hilmerring von einem Gastwirt, der einen Lieferservice eingerichtet hat: „Dadurch spart er Personal und damit Kosten – und er macht tatsächlich gerade recht gute Umsätze, Krisenbranche hin oder her.“ Marcel Loko hat vor allem das Thema Homeoffice positiv überrascht: „Als Werbeagentur hatten wir natürlich schon lange die Möglichkeit angeboten, auch mal zuhause zu arbeiten, aber eine Situation, in der tatsächlich alle 800 Mitarbeiter im Homeoffice waren, hatten wir noch nie. Und plötzlich arbeiten Mitarbeiter verschiedener Standorte so eng zusammen, wie es früher nicht denkbar gewesen wäre. Wir haben eine Projektgruppe mit dem Namen ‚The New Normal’ eingerichtet, die prüft, was jetzt besonders gut läuft und was wir davon auch langfristig etablieren können. Vielleicht brauchen wir nach der Krise nur noch die Hälfte unserer Büroräume. Unsere Sichtweise, die Krise als Chance zu sehen, kommt auch bei unseren Kunden gut an. Gemeinsam mit ihnen schauen wir jetzt: Wie kommunizieren wir in Zukunft? Klar ist: schneller und ideenreicher – was früher 18 Meetings brauchte, dafür reicht heute eine Konferenz.“

Thomas Kempe fügt hinzu: „Wir lernen gerade, digital zu kommunizieren. Normalerweise sind wir sehr viel auf Reisen, die Nähe zum Kunden kommt dabei, wie wir jetzt merken, manchmal zu kurz. Jetzt rücken wir näher zusammen und kommunizieren besser – das ist ein äußerst positiver Effekt.“

 

Der Ausblick der Top-Experten: China gibt die Richtung vor!

  • Thomas Kempe: Wir hatten vergangene Woche ein Meeting unserer Top 100 internationalen Führungskräfte. Der Kollege aus Shanghai berichtete, dass dort alle wieder im Office seien, die Geschäfte verhältnismäßig gut liefen und bereits wieder erste Investitionen getätigt würden. Wenn man bedenkt, dass wir in Hinblick auf Corona nur drei Monate hinter China zurückliegen, stimmt mich das positiv.
  • Marcel Loko: Durch den Zusammenschluss unserer Agenturgruppe mit der international aufgestellten WPP bekommen auch wir aus China mit, dass es dort gerade wieder losgeht. Natürlich noch nicht auf dem Niveau vom Dezember 2019, aber es ist eine positive Entwicklung. Gleichzeitig haben wir jetzt zehn Jahre Innovation innerhalb eines Monats durchlaufen – das ist eine Riesenchance, gerade für kreative Unternehmen.
  • Dirk Hilmerring: „Wir sind guter Dinge, weil wir jetzt dank der schnellen Reaktion der KfW Unternehmern eine große Palette sinnvoller Hilfsmaßnahmen anbieten können und ihnen damit durch die noch kommenden schwierigen Wochen helfen können.“
29.04.2020    Charlotte Reuscher
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