26.06.2020    Arne Gottschalck

Betriebliche Altersversorgung

Was Geschäftsführer jetzt wissen sollten

Eigentlich sprechen Studien eine deutliche Sprache: Die betriebliche Altersversorgung ist noch nicht überall verbreitet, genießt aber in Unternehmen einen hohen Stellenwert. Etwa weil sich mit ihr gute Mitarbeiter binden lassen. Inwieweit aber gilt das auch jetzt noch, in Zeiten der Unsicherheit? Fünf Experten diskutieren.

Porträt von Martin Bockelmann

Martin Bockelmann ist Vorstandsvorsitzender xbAV

Coronazeit ist Videozeit. Es klickt, die Kacheln mit fünf Gesichtern öffnen sich auf dem Bildschirm. Fünf Experten der betrieblichen Altersversorgung (bAV) sitzen im Video-Call am virtuellen Tisch. Und diskutieren Fragen, die Un­ter­neh­mer derzeit umtreiben.

Porträt von Stefan Opel

Stefan Opel ist Bereichsleiter und Geschäftsführer Gothaer

Verändert die Krise die betriebliche Altersversorgung?

Martin Bockelmann: Die aktuelle Situation ist bei aller Tragik für die vielen betroffenen Menschen und Unternehmen am langen Ende ein Katalysator für die Digitalisierung. Nicht nur für die be­triebliche Altersversorgung. Das zeigt schon das Format und die Art, wie wir heute etwa online zusammenkommen.

Stefan Opel: Ich sehe eine Zweiteilung. Bei bestehenden arbeitgeberfinanzierten Systemen erkenne ich durch Corona keine größeren Unterschiede; die Arbeitgeberfinanzierung läuft einfach durch. So leicht kommen Arbeitgeber aus den einmal getätigten Zusagen auch nicht heraus. Bei Neuzusagen und der Entgeltumwandlung ist das anders, da merkt man die Krise schon. Das spürt auch unser Außendienst – es ist noch ein längerer Weg, bis wir wieder Zahlen sehen wie vor der Krise.

Henriette Meissner: Das schätze ich grundsätzlich ähnlich ein. Doch man sollte zudem im Blick haben, dass die Unternehmen sehr schnell reagieren mussten. Das gilt für die gesamte Wirtschaft, aber auch für die Versicherungen, etwa mit Übergangsregeln. Alle haben sich bewegt, bei allem krisenhaften Geschehen. Bei einigen Branchen läuft es schon ­wieder wie zuvor. Andere Zweige wiederum sind stärker getroffen, rüsten jedoch auf.

Porträtbild von Christian Remke

Christian Remke ist Geschäftsführer Metzler Pension Management

Porträtbild von Henriette Meissner

Henriette Meissner ist Geschäftsführerin Stuttgarter Vorsorge-Management und Generalbevollmächtigte für die bAV der Stuttgarter Lebensversicherung

Christian Remke: Im aktuellen Geschäft läuft vieles einfach weiter. Aber was wir ebenfalls sehen, ist, dass viele Arbeitgeber Projekte erst einmal schieben. Dabei sollte man immer im Hinterkopf behalten, dass diese Krise keine Finanzkrise ist wie 2009, sondern vergleichbar mit einer Naturkatastrophe – ein Event also. Danach kann die Wirtschaft wieder starten.

Johannes Georg: Die digitale Beratung wird Teil des Beratungsmix – alle Mitarbeiter zusammen in der Cafeteria, nur um sie darüber zu informieren, wie die bAV funktioniert? Das wird sich ändern! Wir erkennen aktuell einen digitalen Schub, auch wenn sich einige Beratungsprojekte in der Coronakrise verschoben haben. Viele Personalabteilungen müssen sich derzeit um dringendere Themen wie Hygienekonzepte kümmern. Aber insgesamt rüsten alle digital auf. Für uns lautet daher die Frage: Wie kann man das sinnvoll kombinieren, die digitale Beratung und klassische Beratung vor Ort? Das wird die Zukunft sein.

Bockelmann: Online sollte künftig alles im Homeoffice möglich sein. Und zwar für alle Beteiligten. Unsere Plattform unterstützt die Abwicklung der bAV ganzheitlich. Wir bieten Technologie für die Information und Administration und sehen die Auswirkungen der Krise direkt in der Nutzung. Die Anzahl der Beratungssessions ging auf der Plattform zunächst deutlich zurück. In den ersten Wochen nach dem Lockdown lag die Anzahl der durchgeführten Beratungen bei nur 50 Prozent des Vorkrisenniveaus. Jetzt steigt sie wieder an und ist bei 75 Prozent. Interessanterweise nahm die Nutzung unseres Moduls für die Administration im gleichen Zeitraum zu. Viele Personalabteilungen stellen sich nun digital auf.

Porträtbild von Johannes Georg

Johannes Georg ist CEO Penseo

Meissner: Jetzt ist die Zeit, die Kundenbindung voranzubringen. Wir haben zwar Social Distancing, aber auf der anderen Seite eine Fülle von Möglichkeiten, etwa über digitale Kommunikation oder Vermittler, die versuchen, ihren Kunden zu helfen. Immer mit der Frage im Fokus: Was sind die Bedürfnisse der Kunden?

Beratung? Gefragt!

Die betriebliche Altersversorgung spürt die Krise. Doch schon jetzt ist die Beratungsnachfrage wieder angestiegen, beobachtet Stefan Opel, Bereichsleiter und Geschäftsführer der Gothaer.

Wie flexibel kann ein Versicherer bei kurzfristigen Problemen sein? „Man kann zum Beispiel Stundung der Beiträge anbieten statt einer Beitragsfreistellung und auch Gebühren und Zinsen darauf erlassen“, sagt Stefan Opel, Bereichsleiter und Geschäftsführer bei der Gothaer und oberste Instanz des Hauses in Sachen bAV. „Es ist manchmal auch eine Frage, wie man dem Vermittler helfen kann, der ein Einkommensthema hat. Da geht es zwar auch um die wirtschaftliche Seite, etwa die Provisionsrückbelastung, aber ebenso um die Überzeugungsseite. Wir haben dazu zum Beispiel Websites geschaffen. Denn es geht stets darum, schwierige Zeiten gemeinsam durchzustehen und zu vermeiden, den Vertrag zu kündigen.“

Es geht weiter, Corona zum Trotz

Schwierige Zeiten? Klar, denn die Krise zieht ihre Kreise, und das geht auch an der bAV nicht vorbei. Allerdings zeigt sich bereits jetzt ein überraschender Effekt: „Die Nachfrage nach Beratungsterminen hat schon wieder etwas angezogen“, beobachtet Opel. „Allerdings sind wir längst nicht auf Vor-Corona-Niveau. Um das einmal deutlich zu machen: Da gab es zwei bis drei Termine pro Tag und Berater, jetzt sind es drei in der gesamten Woche. Das Neugeschäft braucht daher noch ein paar Wochen, denke ich. Dafür sehen wir aber im Bestand, also bei den laufenden Verträgen, noch kaum Schäden.“

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Teilen Sie die Analyse, Herr Opel?

Opel: Man muss nach Branchen unterscheiden. Die Arbeitslosigkeit wird in einigen steigen. Und das hat dann auch negative Folgen für die bAV. Ich fürchte, die Niedrigverdienerbranchen wie zum Beispiel die Gastronomie werden nicht so viel bAV brauchen. Auf der anderen Seite sorgt die Digitalisierung für neue Ideen und dafür, dass Talente gesucht werden. Und für die benötigen Unternehmen wiederum eine bAV.

Welche Form der Vorsorge wird eher leiden? Die private oder die betriebliche?

Meissner: Wer glaubt, dass sein Arbeitgeber nicht weitermacht, wird sich ohnehin zurückhalten, das gilt für beide Arten der finanziellen Vorsorge. Aber ansonsten sollten beide Seiten weitermachen wollen. Das Thema Fachkräftemangel ist ja nicht weg, egal ob IT oder Pflegebranche. Vielleicht gibt es eine kleine Delle. Aber wir sprechen ja auch jetzt mit Bewerbern, suchen nach guten Leuten. In meinen Augen ist das also ein geeigneter Zeitpunkt, das Thema bAV richtig voranzubringen – für unser Unternehmen wie für unsere Kunden.

Der Generalvorwurf gegen bAV lautet ja: zu komplex. Kann die Digitalisierung helfen?

Bockelmann: Digital kommunizieren ist binnen weniger Wochen zur neuen Normalität geworden. Durch Digitalisierung wird die bAV einfach. Als unabhängige Plattform wollen wir Versicherern und Arbeitgebern bei der digitalen Transformation helfen. Die digitale Kommunikation ist Bestandteil unserer Zukunft – unter anderem weil sie die Beratung und Administration kostengünstig, schnell und ortsunabhängig macht.

Georg: Richtig. Einige Prozessschritte fühlen sich jetzt schon an wie aus dem letzten Jahrtausend, wie etwa die Einzeltermine im Akkord. Warum geben Vermittler den Arbeitnehmern nicht die Möglichkeit, sich vorab selbst zu informieren und ihre persönlichen finanziellen Vorteile auszurechnen? Daran anschließend bieten sie am besten eine Beratung per Video-Call an, um in aller Ruhe Verständnisfragen zu klären. Es gibt viele Möglichkeiten, wie Technologie helfen kann.

Kommt der Nachhaltigkeitstrend wieder?

Remke: Der Trend zu mehr Nachhaltigkeit kommt nicht nur wieder, der war gar nicht unterbrochen.

Übergang ins „neue Normal“

Die Zukunft der betrieblichen Altersversorgung?
Henriette Meissner, Geschäftsführerin der Stuttgarter Vorsorge-Management und Generalbevollmächtigte für die bAV der Stuttgarter Lebensversicherung, ist optimistisch. Auch weil diese Form der Absicherung Rückenwind von einer gesellschaftlichen Entwicklung bekommen hat.

Klare Sache: „Der Fachkräftemangel geht nicht weg; die Anforderung, die guten Mitarbeiter zu binden auch nicht“, sagt Henriette Meissner von der Stuttgarter Lebensversicherung. „Darüber hinaus geht es um die Arbeitsbedingungen. Denn auch die dienen der Mitarbeiterbindung. Wir haben ja gerade in der Krise gemerkt, wie wichtig es ist, motivierte Mitarbeiter zu halten. Wir sind in meinen Augen in einem Übergang in das neue Normal.“ Die Zahlen geben ihr recht: 3,9 Millionen Fachkräfte sollen laut einer Prognos-Studie 2040 fehlen. Kein Wunder: Denn die Geburtenrate ist in den meisten entwickelten Ländern niedrig; damit fehlen ohnehin künftige Arbeitnehmer. Verschärfend wirkt: Um im Wettbewerb bestehen zu können, buhlen Unternehmen um die besten Mitarbeiter. Die bAV ist dann ein gutes Argument. Immerhin bekommen die Talente von morgen damit Sicherheit für übermorgen an die Hand, nämlich den gesicherten Ruhestand.

Das neue Normal

Wie die Zukunft aussehen könnte? Die Kernfrage für Meissner lautet: „Wie können wir die Arbeitsbedingungen, die für die Mitarbeiter positiv waren, auch nach der Krise fortführen?“ Beispiel Homeoffice, in das im März Corona-bedingt viele Menschen gezogen waren: „Wir haben auf der einen Seite gemerkt, dass Homeoffice sehr flexibel geht, und auf der anderen Seite, wie wichtig soziale Kontakte im Alltag sind. Hier wird sich je nach Aufgabe und Person eine neue Balance ergeben.“ Und unter dem Strich? „Der Fachkräftemangel geht nicht weg, dieser Befund bleibt aktuell. Dazu kommt die Nachhaltigkeit als starker Trend.“ Aber das ist noch nicht alles: „Wir sehen, dass die Menschen ihre Informationen digital suchen. Das gilt auch für unsere Kunden, da gab es Riesenausschläge bei den Zugriffszahlen auf unsere Online-Informationen.“ Die Schlussfolgerung aus dieser Gemengelage? „Daher spielen für uns einfache und digital hinterlegte Lösungen als Ergänzung zu Präsenz oder individueller Beratung eine wichtige Rolle, auch in Zukunft.“

Mehr unter stuttgarter.de/bav/bav-kompetenz

Meissner: Das kann ich untermauern. Wir bieten seit Jahren unsere „GrüneRente“ an, mit nachhaltigen Investments im Hintergrund. Und wir sehen, dass die Nachfrage wächst, und zwar bei Vermittlern, Arbeitgebern, aber auch den Arbeitnehmern. Wenn Sie so wollen, ist die bAV Nachhaltigkeit schlechthin, weil sie etwas Gutes und Soziales leistet, die Mitarbeiter bei der Altersvorsorge unterstützt. Das ist ganz so wie beim Discounter: Die Menschen kaufen einfach mehr Bioprodukte. Ein Trend, der läuft und läuft.

Georg: Gerade Agenturen und Start-ups mit einer jungen Belegschaft setzen auf Nachhaltigkeit. Dort ist das Thema von Anfang an gesetzt. Anhand dessen suchen wir einen passenden Vermittler aus unserem Pool und ein nachhaltiges bAV-Produkt aus. Und die Nachfrage nimmt auch in traditionellen Unter­nehmen zu.

Opel: Das wird bei den neuen Sozialpartnermodellen noch deutlicher, denn da gibt es keine Garantien; nachhaltige Fonds sind der Standard. Aber auch in der normalen bAV wird – auch bei der Gothaer – alles auf ESG umgestellt, so dass der Kunde nicht nur ein grünes „Mäntelchen“ bekommt, sondern ein durch und durch ESG-konformes Produkt.

Angetreten war das Betriebsrentenstärkungsgesetz, kurz BRSG, um die betriebliche Altersversorgung voranzubringen. Ihr Fazit?

Meissner: Wir haben gerade das BRSG 2 bekommen, dies ist angesichts der Corona-Gesetzgebung etwas untergegangen. Und es ist gut für kleine und mittlere Unternehmen, denn die Direktversicherung wurde gestärkt. Der Arbeitgeber geht im Fall des Ausstiegs eines Mitarbeiters keine Risiken ein. Außerdem sind Direktversicherungen durch die Auffanggesellschaft Protektor geschützt. Und für Arbeitnehmer gilt: Sie haben gemerkt, dass der Gesetzgeber im Krisenfall sehr schnell handelt, um Folgen zu mildern. Das schafft Vertrauen.

Bei kleineren Unternehmen ist die bAV-Verbreitung nicht so hoch wie etwa in Dax-Konzernen. Sehen Sie einen Hoffnungsschimmer?

Opel: Ich glaube ja, wenn wir die Coronakrise gut überstanden haben, mit vielen innovativen Unternehmen und Risikofreude, eben mit einem starken Mittelstand. Und es geht nicht nur um den Metallbauer, sondern auch um das Start-up – beide brauchen die bAV. Denn sie müssen mit den Großen um Mitarbeiter konkurrieren. Entsprechend benötigen wir als Produktgeber weiterhin einen starken Vertrieb und starke Makler, die auch den Mittelstand beraten.

Schauen wir mal in die Glaskugel …

Remke: In Zukunft wird sich die bAV stetig entwickeln. Das liegt auch daran, dass die Zinsseite schwierig ist, daher fällt der Blick auf andere Dinge, etwa auf die Kosten. Denn die bAV ist günstiger als herkömmliche private Anlageformen. Und wenn es eine Eigenschaft gibt, die Mitarbeiter dem Arbeitgeber sicher zumessen, dann ist es finanzielle Kompetenz. Die bAV wird also erheblichen Zulauf haben.

Opel: Ich sehe drei Stufen. Dieses Jahr wird es eine gewisse Delle geben. Für das Jahr 2021 sehe ich den Effekt, dass Unternehmen ab dem 1. Januar 2022 verpflichtet sind, bis zu 15 Prozent Zuschuss zur bAV zu zahlen. Das haben noch nicht alle Unternehmen auf dem Schirm. Und in der dritten Stufe wird sich zeigen, dass das Thema Demografie unaufhaltbar ist und damit die Erkenntnis: Da müssen wir was tun.

26.06.2020    Arne Gottschalck
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