20.08.2020    Madeline Sieland

Profi-Fußball

„Es galt das Prinzip Hoffnung“

„Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt“, sagt Martin Kind, Geschäftsführer von Hannover 96. Unter dem Brennglas der Pandemie sind die finanziellen Probleme manch eines Profi-Fußballvereins offenkundiger denn je. Die Rettung? Investoren, so Kind, der notfalls auch zivilrechtlich die 50+1-Regel kippen will. Im DUB Digital Business Talk diskutiert er mit Top-Managern von 1899 Hoffenheim, Hertha BSC, SpVgg Greuther Fürth und Carl Zeiss Jena über das Fußballbusiness in Corona-Zeiten.

„Die vergangene Saison hat uns unerwartet brutal gezeigt, dass Vereine in den letzten Jahren überwiegend wirtschaftlich unvernünftig gearbeitet haben“, sagt Kind. Allein ist der Chef des Zweitligisten Hannover 96 mit seiner Meinung nicht.

Peter Görlich, Geschäftsführer der TSG 1899 Hoffenheim, betont, dass die Coronapandemie „uns vor Augen führt, wie fragil unser Geschäftsmodell ist“. Und Holger Schwiewagner, Geschäftsführer des Zweitligisten SpVgg Greuther Fürth, sagt: „Es ist der kurzfristige sportliche Erfolg, der uns im Fußball leider alle treibt beziehungsweise von dem wir uns treiben lassen.“

Am DUB Digital Business Talk nahmen teil:

Moderation: Jens de Buhr, Verleger DUB UNTERNEHMER-Magazin, und Alex Steudel, Co-Publisher des Fußball-Newsletters „Fever Pit’ch“

Kind pflichtet dem bei: „Wir haben unsere Ausgaben immer an den sportlichen Zielen orientiert – nach dem Prinzip Hoffnung. Deshalb gibt es vielfach deutliche Probleme.“ So weitergehen könne es nicht: Nötig seien eine selbstkritische Analyse und eine ergebnisoffene Diskussion über die Zukunft.

Kind sieht Coronahilfen für Profi-Clubs kritisch

Rettungsmaßnahmen wie staatliche Finanzhilfen sind in Kinds Augen keine Lösung für die hausgemachten Probleme. So hat etwa der VfB Stuttgart bei der KfW einen Hilfskredit beantragt. „Formal ist das ja korrekt, denn der VfB ist eine AG. Damit können sie natürlich KfW-Mittel beantragen“, so Kind. „Bei Schalke sehe ich das schon etwas differenzierter. Das ist ein e.V.“

Schalke hatte das Geschäftsjahr 2019 mit Verbindlichkeiten in Höhe von 198 Millionen Euro abgeschlossen. Nun ist das Land Nordrhein-Westfalen für den hoch verschuldeten Bundesligisten mit einer Bürgschaft in die Bresche gesprungen. „Ich persönlich bin ordnungspolitisch dagegen, das sage ich ganz offen“, so der Hannover-96-Chef. „Denn ich glaube nicht, dass man erwarten kann, dass die Gesellschaft für viele Fehlentscheidungen nachher das Risiko übernimmt.“

50+1-Regel zur Not zivilrechtlich kippen

Mit Blick auf die Situation manch eines anderen Clubs freut sich Paul Keuter, Mitglied der Geschäftsleitung von Bundesligist Hertha BSC über Kapitalgeber Lars Windhorst: „In der Pandemie wäre es uns sehr viel schlechter gegangen, wenn wir letztes Jahr mit der Tennor Holding nicht einen neuen Partner hätten gewinnen können.“

Auch Mario Voigt, Vorsitzender des Aufsichtsrats des Regionalligisten FC Carl Zeiss Jena, betont: „Wir haben einen belgischen Investor. Wenn wir den nicht hätten, wäre es für uns noch schwieriger.“

Aussagen wie diese bestärken Kind in seinem Kampf gegen die in Deutschland geltende 50+1-Regel, die im europäischen Fußball ein Novum ist. Diese Vorschrift der Deutschen Fußball Liga besagt, dass es Kapitalanlegern nicht möglich ist, die Stimmenmehrheit bei Kapitalgesellschaften zu übernehmen, in die Fußballvereine ihre Profimannschaften ausgegliedert haben. Das soll den Einfluss von Investoren begrenzen. Zu Kinds Vorgehen gegen diese Regel läuft aktuell ein Kartellrechtsverfahren. „Das warten wir ab“, so Kind. „Und ansonsten wird man es zivilrechtlich klären müssen. Auf jeden Fall ist das eine Option.“

Denn mit der Realität im deutschen Profi-Fußball hat diese Regelung seiner Meinung nach inzwischen sowieso wenig zu tun. Beispiel Borussia Dortmund: „Letztendlich ist das die kapitalorientierteste Gesellschaft, die wir im Bundesliga-Fußball haben. Sie ist börsennotiert und finanziert sich über den Kapitalmarkt.“

DUB Business Talks

Corona als Korrektiv auf dem Transfermarkt

Worauf es in der aktuellen Situation allerdings primär ankommt? „Wir müssen Kostenmanagement lernen“, so Kind. Eine der größten Stellschrauben, an der gedreht werden könne, seien die Ausgaben für Berater, Trainer und Sportdirektoren sowie die Spielergehälter. Denkbar wäre für ihn, Gehälter ins Verhältnis zum Umsatz zu setzen. „Und wer mehr ausgeben will, muss nachweisen, wie er diese Mehrausgaben tatsächlich sicher und nachhaltig finanzieren kann.“

Mit Blick auf die Spielergehälter scheint allerdings die Corona-Pandemie bereits als Korrektiv zu wirken. Schwiewagner spricht von einer „deutlichen Abkühlung“. Die Bezahlung nähere sich wieder dem eigentlichen Leistungsniveau eines Spielers an. Schwiewagner: „Nicht mehr jeder, der halbwegs geradeaus laufen und einigermaßen gegen einen Ball treten kann, verdient in der Zweiten Bundesliga im mittleren sechsstelligen Bereich.“ Voigt sieht in dieser Entwicklung – oder „Normalisierung“ wie er es nennt – für seinen Verein Chancen: „Wir können sinnvoller und günstiger einkaufen.“

Doch: „Der Transfermarkt ist im Wesentlichen tot“, hat Kind beobachtet. Nur die sowieso schon starken Vereine ziehen ihre Investitionsstrategien durch. Alle anderen seien sehr defensiv, bewerten ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten aktuell realistischer.

Die aktuelle Zurückhaltung hat für Voigt noch eine andere Ursache: die Ungewissheit. Niemand wisse, wann etwa im Stadion wieder so etwas wie Normalität herrsche oder mit welchen Einnahmen man planen könne, um Spielereinkäufe zu refinanzieren. Jena musste die neue Saison in der Regionalliga Nordost immerhin nicht in einem leeren Stadion beginnen: 1.900 Zuschauer sahen das 1:1 im Heimspiel gegen den SV Babelsberg 03 vor Ort. Unter Normalbedingungen bietet das Ernst-Abbe-Sportfeld knapp 13.000 Fans Platz.

Kind: „Ich bewundere Bayern München“

Sportlicher und wirtschaftliche Erfolg – dieses Kunststück gelingt vor allem einem Verein in Deutschland: dem FC Bayern München. Reicht also eine Umverteilung etwa von Fernsehgeldern auf kleinere Vereine, um die Dominanz der Bayern zu brechen und deren neunte Meisterschaft in Folge zu verhindern?

Für Schwiewagner ist das zu kurz gedacht. „Nehmen wir das Beispiel Borussia Mönchengladbach: Die werden mit 20 Millionen Euro mehr nicht plötzlich auf Augenhöhe mit Bayern um die deutsche Meisterschaft spielen.“

Kind spricht in dem Zusammenhang vom „Alibi-Argument Wettbewerbsgleichheit“. Er bewundere den FC Bayern München, weil das ein „unglaublich professionell geführter Verein ist“. Und ein Verein, den man primär international einordnen müsse: „Wir brauchen eine international nachhaltig erfolgreiche Marke – und das ist Bayern München. Da kann man nicht erwarten, dass sie Geld abgeben und damit riskieren ihre Wettbewerbsfähigkeit international verlieren. Das würde auch uns gar nicht helfen.“

Schwiewagner sieht keine Lösung des Dilemmas: „Ich glaube, es ist nicht möglich eine Strategie zu finden, damit Bayern München international wettbewerbsfähig ist und wir einen ausgeglichenen Markt und Wettbewerb im deutschen Fußball haben.“

Draft-System zerstört die Nachwuchsförderung

Wenn also über die Verteilung von Geldern keine Chancengleichheit herzustellen ist, dann vielleicht über eine andere Art der Spieler-Verteilung – orientiert am US-amerikanischen Draft-System?

Voigt hält davon überhaupt nichts: „Das Draft-System existiert in den USA doch nur, weil die Profi-Vereine sich nicht die Mühe machen, eigene Nachwuchsteams zu haben. Dort sind es die Universitäten, die den Nachwuchs ausbilden. Wenn wir also wollen, dass die Struktur der deutschen Nachwuchsförderung kaputt gemacht wird, dann leisten wir uns ein Draft-System.“

20.08.2020    Madeline Sieland
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