11.09.2020    Miriam Rönnau

Digital Business Modelling

Innovation ohne Ende

Company-Builder unterstützen junge Firmen bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. Schacht One, die ehemalige Digitaleinheit von Haniel, verfolgt mit mantro Ruhr genau diesen Ansatz. Auch etablierten Unternehmen, die nachder Krise neue Wege gehen wollen, wird geholfen.

Zukunftsweisend, innovativ, erfolgreich – das wollen in diesen Tagen alle Unternehmen sein. Schacht One hatte es eigentlich schon geschafft: In nur vier Jahren setzte die ehemalige Digitaleinheit des Duisburger Tra­ditionsunternehmens Haniel mehr als 50 Projekte um und half bei der Gründung von fünf ­Corporate Start-ups. „Die Zeche Zollverein in Essen ist ein Reallabor des Wandels. Hier trifft alte Industrie auf Digitalisierung“, sagte Dirk Müller noch vor einem Jahr über die erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Familienholding auf dem historischen Ge­lände inmitten des Ruhrgebiets. Das bis 1986 aktive Steinkohlewerk hatte einst das Fundament für den wirtschaftlichen Aufschwung von Haniel gelegt – und ist heute Unesco-Weltkulturerbe und ein Hotspot für Start-ups und Kreative.

Aufgrund einer strategischen Neuausrichtung von Haniel entschied Müller, mit Schacht One eigene Wege zu gehen. Er ist jetzt selbst Teil des Wandels und beweist: Auch wer schon in der digitalen Welt angekommen ist, muss sein Geschäft immer wieder aufs Neue hinterfragen.

Ganz neue Ansätze verfolgen

„Wir hatten in dieser Zeit vieles erreicht, insbeson­dere in Teilen eine neue Innovationskultur initiiert. Allerdings gab es auch Dinge, die nicht so gut funk­tioniert haben“, sagt Müller über die Zusammenarbeit mit Haniel. „Immer dann, wenn es darum ging, neue Geschäftsmodelle am Markt zu etablieren, fehlten häufig der passende Kontext und die Partner, um das Wachstum zu bewerkstelligen.“ Dabei wird es für den Geschäftsführer von Schacht One erst an dem Punkt richtig spannend. Allerdings weiß er auch: Das ist keine Herausforderung allein bei Haniel, sondern eine, vor der viele Mittelständler und Konzerne stehen: Die mit Erfolgschancen gestarteten digitalen Geschäftsmodelle abseits des Kerngeschäfts werden häufig nicht mit der nötigen Konsequenz weiterverfolgt.

Gründe dafür gibt es viele. Klar ist aber: Digitaleinheiten operieren in der Regel nah am Kern des Unternehmens und richten die Transformation nach innen aus – es ist also gar nicht ihre Aufgabe, Projekte nach außen zu tragen. So war es auch bei Haniel. Für Müller lag die Lösung nahe: Er muss sein eigenes Unternehmen gründen und dort ansetzen, wo andere nicht weiterkommen. Seit Anfang des Jahres betreibt er nun gemeinsam mit Manfred Tropper, CEO des Münchner Company-Builders mantro, die neue Firmenschmiede mantro Ruhr.

Vereinfacht gesagt geht es beim Company-Building darum, Unternehmen bei ihrer Entstehung zu unterstützen, neue Geschäftsmodelle am Markt zu testen und zu skalieren. „Wir glauben an die deutschen Unternehmen und ihre Wertschöpfung“, sagt Müller, der deshalb auf Joint Ventures setzt. Dadurch versteht sich die Firmenschmiede als gleichberech­tigter Partner, der schon in einer frühen Phase in Start-ups oder Digitalunternehmen einsteigt.

Auf Augenhöhe zusammenarbeiten

„Im Gegensatz zu vielen anderen Company-Buildern arbeiten wir ohne Agenturmarge und sind so gemeinsam mit dem Partner motiviert, das Unternehmen erfolgreich zu machen“, sagt Müller. Dementsprechend investiert mantro Ruhr auch nur in Ideen, von denen die Macher selbst überzeugt sind. Schließlich wird das Risiko von beiden Seiten getragen. Somit geht Company-Building weit über den klassischen Ansatz einer Digitalberatung hinaus. Gemeinsam sucht der Company-Builder mit dem Cor­porate Partner, etwa einem Konzern oder einem Mittelständler, nach Investoren, um Wachstum für das neue Unternehmen zu generieren. Der Partner erhält damit nicht nur Sicherheit und profitiert von dem Know-how erfahrener Experten im Bereich Digitalisierung, er erspart sich auch komplexe unternehmensinterne Prozesse und Strukturen. „Der Corporate Partner muss allerdings auch lernen, dass er hier kein Projekt beauftragt hat, sondern Shareholder in einem Joint Venture ist“, erklärt Müller. Die Zusammenarbeit verläuft deshalb auch stets auf Augenhöhe.

Das ist zugleich ein Grund, warum mantro Ruhr nicht direkt nach der Skalierung, also wenn das Unternehmen sichtbar auf dem Markt etabliert ist, aussteigt. Erst wenn die Stabilisierungsphase vorbei ist, die neue Firma lokal und operativ unabhängig ist und an das neue Team übergeben werden kann, zieht sich mantro Ruhr auf die Rolle des Gesellschafters und Investors zurück.

Seinen Reifegrad kennen

Doch nicht nur bei der Gründung gibt es Unterstützung. Unternehmen, die sich im Zuge der Corona­krise neu orientieren wollen oder etwa die Nachfolgeplanung starten, können über die Initiative „upvalue“ einen partnerschaftlichen Ansatz mit mantro Ruhr verfolgen – und so gemeinsam Handlungsstränge ordnen und priorisieren sowie die Digitalisierungsstra­tegie neu ansetzen. „Durch die Pandemie wurden vielen Mittelständlern Defizite offenbart, an denen sie jetzt arbeiten wollen“, sagt Müller.

Genau wie der Company-Building-Ansatz versteht Müller auch die Digitalisierung nicht als ein ­Projekt, sondern als eine Investition in die Zukunfts­fähigkeit, die stets hinterfragt und an die neuen Bedingungen angepasst werden muss. Sein Tipp für die Zukunft ist deshalb: Wer im Zuge der Coronakrise ad hoc Digitalisierungsprojekte gestartet hat, sollte prüfen, ob diese überhaupt zum Unternehmen passen. „Nur wenn diese auch strategisch verankert sind, wird sich eine nachhaltige Veränderung einstellen“, sagt er.

Entscheidend ist dabei zudem der Kontext. Unternehmer müssen sich fragen: „Brauche ich wirklich ein Entwicklerteam wie Google oder eine Organisationskultur wie Spotify – einfach nur weil andere es so machen?“ Es gilt, genauer hinzusehen und Projekte entsprechend dem Reifegrad des Unternehmens zu entwickeln. Und dabei gilt für Müller ganz klar: „Die jetzt aufgezeigten Lücken sollten mit Priorität angegangen werden.“

Zur Person

Dirk Müller

ist Geschäftsführer von Schacht One und der neuen Firmenschmiede mantro Ruhr. Der gelernte Informa­tiker arbeitete über 15 Jahre in leitenden IT-Funktionen bei Haniel, zuvor war er als Senior IT-Architekt in internationalen Projekten bei IBM tätig

11.09.2020    Miriam Rönnau
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