27.08.2020    Miriam Rönnau

Company-Building

Einfach für den Kunden

Online first ist derzeit angesagt. Doch ausruhen kann sich im E-Commerce-Bereich deshalb niemand – ganz im Gegenteil. Tobias Flaitz vom B2B-Distanzhändler TAKKT erklärt, wie die Krise für neue Impulse sorgt.

Wie müssen Unternehmen heute agieren, um auch morgen bestehen zu können? TAKKT beweist, wie sich die Coronakrise nutzen lässt, um nicht nur die Digitalisierung zu beschleunigen, sondern auch, um einen Kulturwandel im Unternehmen an­zustoßen und New Work endlich zum Durchbruch zu verhelfen.

Anfang des Jahres startete die TAKKT-Gruppe unter dem Namen TAKKT 4.0 mit der Umsetzung einer neuen organisatorischen Ausrichtung, um sich kompakter aufzustellen und Strukturen noch stärker auf die Bedürfnisse von zwei unterschiedlichen Kundentypen auszurichten. Als Distanzhändler vertreibt die TAKKT-Gruppe über verschiedene Gesellschaften und Marken Betriebs- und Geschäftsausstattung an Firmenkunden; rund 60 Prozent des Geschäfts laufen über E-Commerce-Kanäle.

Während das ­Omni­­channel-Commerce-Segment „Produktsortiment und Services“ auf die komplexeren Anforderungen der ­qualitäts- und serviceorientierten Geschäftskunden ausgerichtet hat, werden über das „Web-focused Commerce“-Segment preisbewusstere Firmenkunden mit weniger komplexen Bedürfnissen angesprochen. Vorstandsmitglied Tobias Flaitz erklärt, welchen Einfluss die Krise auf das Unternehmen hatte und was sich nun nachhaltig ändern soll.

Zur Person

Tobias Flaitz

ist seit Juni Vorstandsmitglied von TAKKT und verantwortet dort den Aufbau des auf Online-Vertriebskanäle ausgerichteten „Web-focused Commerce“-Segments sowie die digitale Trans­formation der TAKKT-Gruppe

Die Wirtschaft nimmt langsam wieder Fahrt auf, viele Mitarbeiter sind zurück im Büro. ­Kehren wir langsam zurück zum Business as usual?

Tobias Flaitz: Ich erwarte, dass die Veränderungen deutlich tiefgreifender und nachhaltiger ausfallen werden als weithin an­genommen. Gemeint sind damit nicht nur die Auswirkungen auf die Konjunktur, die unser Geschäft auch in den kommenden Monaten beeinflussen. Die Pandemie und der Umgang mit den Schutzmaßnahmen haben den digitalen Wandel stark beschleunigt. Ich sehe das bei uns und genauso bei unseren Kunden. Eine flexible Ein­teilung von Arbeitszeiten und Homeoffice sind zwar attraktiv für viele Mitarbeiter, waren aber oftmals nicht in der Unternehmenskultur verankert. Während des Lockdowns haben wir alle jedoch die Erfahrung gemacht, dass eine erfolgreiche Zusammenarbeit, eine enge Abstimmung und gute Leistungen auch ohne Anwesenheit im Büro möglich sind.

Wird sich New Work also langfristig durchsetzen?

Flaitz: Vertrauen in die Mitarbeiter und die Übertragung von Verantwortung machen sich nach meiner Erfahrung in den meisten Fällen bezahlt. Die Krise beschleunigt den Trend hin zu flexibleren Formen und Formaten der Arbeit, die individuell zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber ausgehandelt werden können. Damit wird ein funktionales Hybridmodell Wirklichkeit, das in Abhängigkeit von Branche, Aufgabe und Rolle eine gute Balance zwischen mobilem Arbeiten und Präsenzzeiten ermöglicht. Die Krise wirkt als Katalysator für wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen, die längst überfällig waren. Es wird keine Rückkehr zum vorherigen Status quo geben. Stichwort New Normal: Wir werden uns stärker an Ergebnissen und weniger an Präsenz orientieren. Führungskräfte und Mitarbeiter müssen sich hierauf gemeinsam einstellen und einlassen.

Wie muss sich ein Unternehmen aufstellen, um in einem solchen Umfeld erfolgreich zu sein?

Flaitz: Wir fokussieren uns künftig deutlich stärker auf Nachhaltigkeit und Customer-Centricity. Heißt: Der Kunde steht im Zentrum aller Überlegungen und Abläufe und bestimmt maßgeblich unser Handeln. So werden wir unser Angebot, unsere Strukturen und vor allem Prozesse daran ausrichten. Für unser Web-­focused-Business heißt das: Wir orientieren uns am Bedarf der für uns relevanten Kunden. Dies sind oft kleinere bis mittelgroße Unternehmen, die ein gutes Produkt in ansprechender Qualität und zu einem adäquaten Preis haben wollen. Für einen Handwerksbetrieb mit wenigen Mitarbeitern, eine inhabergeführte Agentur oder einen Freelancer sind Produkte aus dem unteren oder mittleren Preisbereich und mit einer passenden Qualität häufig die richtige Wahl. Ebenso erfolgskritisch wie das richtige Produkt ist ein schneller und unkomplizierter Such- und Kaufprozess. Das starke Wachstum des Online-Handels zeigt uns, was Kunden erwarten. Je einfacher wir es ihnen machen, desto erfolgreicher werden wir sein. Voraussetzung dafür sind die Ausrichtung aller Prozesse auf den Kunden und eine sehr hohe E-Commerce-Kompetenz.

In dem von Ihnen geführten Segment sind knapp zehn unterschiedliche Vertriebsmarken vertreten. Sie sind in den USA, in Großbritannien, Deutschland und weiteren europäischen Ländern aktiv. Wie stellen Sie sicher, dass diese Ausrichtung und Kompe- tenz überall gleichermaßen vorhanden ist?

Flaitz: Die Organisationsstruktur von TAKKT ist historisch entstanden. Wir sind in der Vergangenheit organisch, aber auch über Akquisitionen gewachsen. Die unterschiedlichen Einheiten wurden bislang bewusst als operativ eigenständige Teile eines Portfolios geführt. So vorteilhaft diese Struktur in einigen Belangen war, haben wir doch auch Potenzial liegen lassen und die Chancen aus einer gruppenübergreifenden Zusammenarbeit und stärkeren Skalierung nur eingeschränkt nutzen können. Um diese Chancen besser wahrzunehmen, wandeln wir uns im Web-focused-Bereich von einem Netzwerk zu einem Company-Builder.

Was heißt das genau?

Flaitz: Nehmen wir das Beispiel Business-Intelligence, kurz BI, und Datenkompetenz im Web-focused-Commerce. In fast all unseren Unternehmen nutzen und analysieren Mitarbeiter auch heute schon Kunden- und Prozessdaten, um auf Basis dieser Auswertungen etwa maßgeschneiderte Marketingimpulse abzuleiten oder das Produktsortiment auf die Anforderungen der Kunden hin zu optimieren. Dabei geht jede Gesellschaft jedoch bislang ihren eigenen Weg. Wir wollen nun die Aktivitäten für das gesamte Segment übergreifend koordinieren und den Einsatz von BI in den Einheiten zentral steuern und fördern. Es geht darum, von der bereits vorhandenen Kompetenz aller im Segment enthaltenen Unternehmen zu profitieren und zugleich das in den Daten liegende Potenzial noch stärker und methodisch einheitlicher zu nutzen. Die dafür nötigen Strukturen bauen wir jetzt auf.

Sie erwähnten das Stichwort Company-Builder. Was verstehen Sie darunter?

Flaitz: Neben organischem Wachstum wollen wir gerade im Bereich Web-focused über Akquisitionen wachsen. Neu erworbene und in der Gruppe vorhandene Unternehmen unterstützen wir künftig stärker und aktiver bei der Realisierung ihres Wachstumspotenzials. Wir können dazu auf vorliegende Erfahrungen, Prozesse und Technologien zurückgreifen, etwa im Online-Marketing, bei Business-Intelligence, in der Supply-Chain oder auch in der Logistik. Damit bieten wir potenziellen Targets umfassende Vorteile und schaffen damit die Voraussetzungen, um eine wachstumsstarke Unternehmensgruppe aufzubauen.

27.08.2020    Miriam Rönnau
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